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Solar Plexus - Der pfälzische Rocky



«Comeback» des Dokumentarfilmers Maximilian Plettau über den Boxer Jürgen «The Rock» Hartenstein ist unaufgeregt, doch voller kleiner Gesten und Beobachtungen. Die DVD anzuschauen, lohnt sich.



Ein Mann arbeitet sich in einer Dachkammer an einem Sandsack ab. Er schwitzt, er ist alleine im Halbdunkel. Keine Musik, kein Ausleuchten, keine Fragen- und Antwortspielchen, keine Kommentare. Ein Mann und seine Aufgabe. Direkt und schnörkellos. Mehr nicht. 



Der Einstieg von
«Comeback» (2007) zeigt es vor: Es herrscht eine spartanische Disziplin - der ehemalige Profiboxer Jürgen «The Rock» Hartenstein wird im Laufe des Filmgeschehens etliche Strapazen auf sich nehmen. «Arbeite hart an dir und du wirst es schaffen», so eingängig und klar ist die Moral der Geschichte. Maximilian Plettau – Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film München - begleitete Jürgen Hartenstein über zwei Jahre hinweg für seinen Abschlussfilm «Comeback». Kennen gelernt haben sie sich zufällig, und aus der Begegnung kam schliesslich die Idee, die Rückkehr in den Ring filmisch festzuhalten.

Entstanden ist ein grenzübergreifendes, 75minütiges Filmdokument, welches sowohl Fiktion und Realität, als auch Reportage und Spielfilm hervorragend miteinander vereint. Aber - es ist vor allem auch ein Film, in dem der 37jährige Filmemacher den Alltag eines Boxers erforscht und sich ebenso dem Verschrobenen hart an die Fersen heftet. Moderne Mythen, in klassischen Mustern erzählt.




Zu einer Art Mythos gehören gewiss auch jene berühmten 72 Stufen des Philadelphia Museum of Art. Kann man überhaupt noch längere Treppen erklimmen, ohne dabei unweigerlich an Rocky Balboa zu denken? Stufe für Stufe wuchtet auch Jürgen Hartenstein seinen bulligen Körper hoch, angetrieben von einem unermüdlichen Willen. Sein Treppenlauf wird allerdings nicht von Fanfaren begleitet, er befindet sich auch nicht in Philadelphia, sondern bei der Bavaria an der Theresienwiese. Das Ziel ist jedoch dasselbe: Ganz oben zu sein – wenigstens noch einmal.




Nach Amerika im Telegramm-Stil
Er hat es schon einmal geschafft. Das war 1988, mit 18 Jahren. Jürgen
«The Rock» Hartenstein war Deutscher Meister in der Amateurliga. Zehn Jahre später boxte er sich hoch zur Nummer eins der Profis im Supermittelgewicht. Was dann folgte, war eine einzige Kette von Niederlagen. «Der Fels» zerbröckelte. Er aber gibt nicht auf, rappelt sich hoch, trainiert tagsüber auf dem verstaubten Dachboden seiner Wohnung. Abends arbeitet er als Türsteher einer glamourösen Münchner Brasserie.



Der Filmstoff trägt beinahe schon eine Hollywood-Handschrift – der einfache, bodenständige Bursche, der sich durchs Leben boxt, sämtlichen Widerständen trotzt und sich dabei nicht vom Weg abbringen lässt. Doch Hartensteins amerikanischer Traum scheint manchmal geistig und geographisch meilenweit entfernt zu sein und doch mittels Mausklick erreichbar. In einem E-Mail schreibt er einem US-Promoter:
«German Ex-Champion wants to fight in the USA. Two years no boxing, no manager». Der Telegramm-Stil bringt die Sache auf den Punkt und ist so karg formuliert wie sein Alltag aussieht, der ja praktisch nichts ausser Entbehrungen kennt – 6 Uhr aufstehen, kalt duschen, laufen. An Hartensteins Seite wacht sein Trainer Markus Kone. Sein beschwörendes Mantra lautet inständig und schlicht: «Arbeit, Arbeit, Arbeit».

Ländliche Abwechslung und Wende

Wenn sich
«The Rock» von seinen täglichen Strapazen endlich einmal ein wenig Abwechslung gönnt, fährt er hinaus aufs Land und besucht seine Oma. Die Kamera begleitet ihn überall hin. Unaufdringlich und unter Verzicht, was filmisch stören oder ablenken könnte. Es gibt weder künstliche Beleuchtung noch aufwändige Sounds oder Filmmusik. Plettau ist ein feinsinniger Beobachter, dem die kleinen Gesten wichtiger sind als schwülstiger Bombast. Das Gespräch am Küchentisch zwischen Hartenstein und seiner Oma bringt eine Zerbrechlichkeit ans Licht, die von keinem erwartet wird, der über jede Niederlage so unverhohlen hinwegsieht. Sein Leben gleiche dem eines Mönches, fasst er sein trainingsreiches Dasein zusammen, wofür die Grossmutter wenig Verständnis zeigt und stattdessen ihren Enkel zum Essen auffordert. Wenn sie im badischen Dialekt über das Leben räsoniert, ist selbst der deutschsprachige Zuschauer froh um die englischen Untertitel. 



Fast als hätte dies ein kalifornischer Regisseur ersonnen, ereignet sich in der Mitte der Dreharbeit die Wende. Hartenstein wird für einen Kampf nach Philadelphia eingeladen. Was dann folgt, ist nicht weiter verwunderlich: die 72 Stufen werden von Hartenstein doch noch in Angriff genommen. Oben angekommen, sind die bronzenen Fussabdrücke Sylvester Stallones ein paar Nummern zu klein für den badischen Boxer. Soweit vorweggenommen: Die Geschichte endet nicht gut für Hartenstein. Vorderhand wenigstens nicht.

Im rund 60minütigen Bonusmaterial der DVD, welches ebenfalls sehr sehenswert ist, erfährt der Zuschauer mehr über Hartensteins weiteren Lebensweg. Immerhin scheint sein Privatleben auf gutem Wege zu sein. Ein beachtliches Filmerlebnis, welches nicht nur als Milieustudie und Dokumentation viel hergibt, sondern überhaupt nachhaltig auf den Zuschauer einwirkt. Michael Heisch




DVD:
«Comeback». Regie: Maximilian Plettau; Mit Jürgen Hartenstein, Markus Krone u. a. farbig, Spieldauer: 79 Minuten. Bild: Widescreen. Sprache: Deutsch. Untertitel: Englisch.

 



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