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Yves Studer nach hochstehendem Fight weiterhin Titelträger



...... ist er jetzt bereit für einen „echten“ EM-Kampf?

Bericht von Gérald Kurth (Text) und Ueli E. Adam (Fotos)

30.05.2010 - Man hätte eine Nadel fallen hören: Die Spannung war nicht zu übertreffen, als Ringsprecher Jack Schmidli die Kampfwertungen verkündete. Zuvor waren Yves Studer und Shalva Jomardasvhili, sein Gegner aus Georgien, in einem grossartigen Kampf über zwölf unglaublich intensive Runden gegangen. Das Gefecht wogte hin und her, und es verwunderte denn auch nicht, dass die Wertungen der Punktrichter völlig auseinander drifteten: die beiden Kämpfer lagen je einmal vorne: Josef Temml (AUT) wertete 117:111 für Studer, Robert Verwijs (NL) hingegen 112:116 für Jomardashvili (!). Jean-Louis Legland (FRA) wählte salomonisch den Weg durch die Mitte und wertete 114:114.

Dieses Unentschieden war gerecht, weil keiner der beiden Kämpfer eine Niederlage verdient gehabt hätte: Jomardashvili hatte eindrücklich belegt, dass er nicht grundlos mit einer K.O.-Quote von fast 70% angereist war. Studer wiederum zog seine taktische Linie gegen einen unglaublich hart und oft schlagenden Gegner konsequent durch, auch wenn er nun den ersten Draw seiner Karriere verbuchen muss. Studer geht seine Kämpfe mittlerweile mit einer strategischen Reife und Konzentration an, die ihn dazu befähigen, die Hand nach der gesamteuropäischen Krone auszustrecken. Jetzt muss, nach Studers Titelverteidigung in der Meisterschaft der Nicht-EU-Staaten, ein „echter“ EM-Titelkampf her!

Studers Kampf war der erhoffte Höhepunkt eines weiteren Kampfabends in der gediegenen Atmosphäre des Berner Kursaals. Für den reibungslosen Ablauf zeichnete einmal mehr Daniel Hartmann verantwortlich, Präsident der Berner Boxing Kings. Er arbeitet unermüdlich daran, dem Berner Publikum regelmässig hochklassige Kämpfe zu bieten. Hartmann hatte allerdings insofern Pech mit der Dramaturgie der angesetzten Kämpfe, als die beiden wichtigen Vorkämpfer Studers und Zugpferde, hinter den hohen Erwartungen zurückblieben. Das galt insbesondere für Nasi Hani, den von Ex-Tyson-Coach Kevin Rooney betreuten Cruisergewichtler aus Mazedonien. Ebenso wenig zu überzeugen vermochte István Szili, der gegen einen ausgebufften Volodymyr Borovskij ratlos war und mit Brachialgewalt zum Erfolg kommen wollte.


Gabor Farkas mit gebrochener Nase

5.Knockout im 6. Kampf: Arnold Gjergjaj

Wenig aussagekräftig war der Auftritt des Basler Gastboxers Arnold Gjergjaj: In der zweiten Runde brach er mit einem gewaltigen Haken seinem Gegner Gábor Farkas die Nase, worauf der Kampf abbrochen werden musste.

Aniya Seki wiederum, die einzige aktive Profiboxerin der Schweiz, gewann ihren Kampf nach einer guten Vorstellung sicher. Allerdings war ihre bulgarische Gegnerin Ivelina Ivanova allzu limitiert, um einen echten Gradmesser für die ambitionierte Bernerin darzustellen. Das von ursprünglich vier auf zwei Kämpfe zusammengeschmolzene Amateurprogramm hatte sich zuvor auf bescheidenem Niveau bewegt.

 
Die Profikämpfe:
Federgewicht (bis 57,153 kg)
Aniya Seki (Boxing Kings, CH) vs. Ivelina Ivanova (BG)



Nach einer ersten Runde des des gegenseitigen Abtastens marschierte Seki (rechts im Bild) immer häufiger vorwärts und traf die Bulgarin mit einfach Links-Rechts-Kombinationen regelmässig. So verschaffte sie sich schnell ein Punktepolster, das ihr einen ungefährdeten Sieg einbrachte. Obwohl Seki in den letzten Runden versuchte, die Bulgarin auszuknocken, gelang ihr das nicht. Das lag an einer etwas stereotypen Vorgehensweise, die für eine stärkere Gegnerin durchschaubar gewesen wäre. Es war erstaunlich, das Seki, obwohl kleiner als Ivanova, nie zu deren Körper arbeitete. Am Ende reichte es aber auch so für einen einstimmigen Punktsieg: Alle drei Punktrichter werteten den Kampf mit 60:54 für Seki.

 
Mittelgewicht (EE-EU)
Yves Studer (CH) vs. Shalva Jomardashvili (GEO)



Die beiden Boxer hatten beim Weigh-In beide exakt 71,6 kg auf die Waage gebracht. Sofort gewann man aber den Eindruck, der Georgier sei mehrere Kilos schwerer. Es war beeindruckend zu beobachten, welchen Druck er sofort in seine Schläge brachte. Insbesondere seine langen Hände zum Körper hätten viele Kämpfer vorzeitig zermürbt, die im Gegensatz zu Studer nicht über derart perfekt definierte Muskelpartien verfügen, die viel Schlagwirkung amortisieren können. Dennoch wird Studer wohl den einen oder anderen Treffer bis in die Nieren hinein gespürt haben...

Die ersten beiden Runden gingen deutlich an den Georgier: Er war aktiver, marschierte vorwärts und schlug viel häufiger. Eigentlich unverständlich, dass er seine hervorragende Vorstellung schnell mit ein paar einfältigen Mätzchen anreicherte.

In der dritten Runde fing Yves Studer an, nachdrücklicher zu kontern. Er öffnete nun vereinzelt seine kompakte Doppeldeckung und landete mehrere kurze Haken zu Kopf oder Körper des Gegners. Das Publikum witterte sofort die Chance, aber Studer blieb weiter kontrolliert, weil er annahm, beim Kampf über die Runden konditionelle Vorteile zu haben. Je länger der Kampf dauerte, desto offensichtlicher wurde, dass Jomardashvili keinesfalls gewillt war, sich überpunkten zu lassen. Die beiden Kämpfer entschieden die Runden in schöner Regelmässigkeit abwechselnd für sich, und am Ende wurde es extrem eng. Nachdem Studer in der elften Runde den Georgier ziemlich angeklingelt hatte, riss dieser in der letzten Runde das Steuer wider Erwarten noch einmal herum und entschied diese für sich. Vermutlich stand er noch unter dem Eindruck dieser an ihn gegangenen Runde, als er bei der Verkündung der ersten Punktrichterwertung (117:111 für Studer) aus lauter Frust zu einem Blitz-Sitzstreik niedersank. Ringrichter Ernst Salzgeber (AUT) konnte ihn aber glücklicherweise umgehend wieder dazu bewegen, das Ende der Prozedur stehend mitzumachen. So hatte ein spannender und hochklassiger Fight einen würdiges Ende.

Cruisergewicht Herren
Nasi Hani (Boxing Kings Bern, MK) vs. Zsolt Bódi (HU)
Nasi Hani, der Albaner aus Mazedonien, konnte seinen Vorschlusslorbeeren nicht gerecht werden: Nach intensiver Trainingsarbeit bei Kevin Rooney, Ex-Trainer von Mike Tyson, war man gespannt auf die Umsetzung der Marschroute. Hani begann plangemäss: Er befand sich im Vorwärtsgang, pendelte aber die Schläge des Gegners aus, um dann vereinzelt explosive Schwinger abzufeuern. Schon ab der dritten Runde aber verzichtete er auf das eingeübte und eingangs fleissig praktizierte Peek-a-boo. Der Ungare Bódi wiederum machte oft den Eindruck, als wolle er „Pfötchen geben“, nicht aber wirklich schlagen und befand sich eigentlich immer in der Fluchtbewegung. Leider liess sich Hani dazu hinreissen, seine Marschroute komplett über Bord zu werfen, um den einfachen Knockout anzustreben. Das liess der Ungar nicht zu. Zwar limitiert, aber noch wenig genug, schaffte er es, sich mehrfach gerade noch rechtzeitig den krachenden Händen von Hani zu entziehen. Der finale Schlag erfolgte aber nicht, und Hani blieb etwas ratlos zurück, obwohl sein Punktesieg an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liess.

Die Wertung im Einzelnen:
Domenico Gottardi             60:54
Hasan Topkaya                 60:54
Roger Haug                       60:54
 
 
Mittelgewicht (bis 72,574 kg)
István Szili (Boxing Kings, HU) vs. Volodymyr Borovskij (UKR)



Der Kampf, dessen Wertung am Ende am meisten zu diskutieren gab. Szili (links im Bild) gewann nach einer Split Decision mit 2:1 Richterstimmen. Das Gesamtresultat ging am Ende in Ordnung, weil Szili zwar nicht mehr schlug, aber sich mit zunehmender Kampfdauer immer stärker vorwärts bewegte und aggressiv schlug. Letztlich war es wohl die im Profiboxen stärker berücksichtigte Optik, die gesamthaft den Ausschlag zu Szilis Gunsten gab.

Dennoch: Auch die harten Hände Szilis landeten meistens in der Deckung des ausgekochten Journeymen Borovskij. Es war unverständlich, wie sich Szili mal für mal vom Ukrainer dazu verleiten liess, seine grössere Reichweite in der Halbdistanz aufzugeben und sich stattdessen, Stirn an Stirn, auf Infights einzulassen, wo ihn der Ukrainer mit ganzen Serien von Uppercuts oder Crochés eindeckte. Natürlich schlug Borovskij nur selten mit vollem Druck, aber er setzte seine Nadelstiche bisweilen im Staccato-Rhythmus, und es war offensichtlich, dass Szili ratlos war. Es war von Beginn an kein Konzept erkennbar, um diesen erfahrenen Ukrainer niederzuringen, der in der Schweiz in mehreren Gewichtsklassen so ziemlich alles geboxt hat. Szili ist enorm athletisch und schlagstark, wird aber in Zukunft mehr Energie für das Studium seiner Gegner aufwenden müssen. Nur so wird er sein vielversprechendes Potenzial wirklich ausschöpfen können.

Die einzelnen Wertungen:
Domenico Gottardi             77:75 (Szili)
Roger Haug                       80:72 (Szili)
Hasan Topkaya   75:77 (Borovskij)
 
  
Die Resultate der Amateurkämpfe
 
Kadetten
Weltergewicht (3x2)
Stefan Negri (Boxing Kings Bern) vs. Ahmed Said (Box Academy Bern)
Negri gibt in der 2. Runde auf.
 

Stefan Negri vs. Ahmed Said

Arsim Ibrahimi vs. Osrani Scherif


Halbschwer (3x3)

Arsim Ibrahimi (Boxing Kings Bern) vs. Osrani Scherif (Box Academy Bern)

Ibrahimi gewinnt mit 2:1 Richterstimmen.

 

Resultatübersicht

 




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