News

Amateur-Meeting in La Chaux-de-Fonds

Bericht von Gérald Kurth

06.06.2010 - Der Boxsport in der Schweiz lebt – und wie! Es war schlicht eine Freude mitzuerleben, mit welchem Enthusiasmus Trainer Umberto Manfredonia und seine Equipe vom BC La-Chaux-de-Fonds einen Kampfabend organisierten, der alles bot: Die inspirierende Atmosphäre eines Zirkuszelts unter prächtigem Sommerhimmel und zehn Kampfpaarungen, von denen keine einzige wirklich abfiel. Ganz im Gegenteil: Das temperamentvolle Publikum verfolgte mehrere Matches von überdurchschnittlicher Qualität.

Die Kämpfer aus der Schweiz und Frankreich zeichneten sich fast ausnahmslos durch beispielhafte Fairness und höchsten Einsatzwillen aus. Hat man wieder einmal für wenig Geld das Glück gehabt, eine derart hochstehende und ehrliche Veranstaltung zu erleben, kann man wahrlich die Lust darauf verlieren, für teures Geld bei den pompös inszenierten, aber sportlich oft dürftigen Shows der grossen Ställe dabei zu sein. Ein grosses Bravo darum in den Neuenburger Jura!

Einen kleinen Wermutstropfen gab es dennoch: Die zahlreichen für den BC La-Chaux-de-Fonds boxenden Damen konnten wegen kurzfristiger Terminkollisionen nicht zu Kämpfen gegen ihre Kolleginnen aus Frankreich antreten. So kam es einzig vor der Pause zu einer kurzen Exhibition zwischen der einheimischen Mégane Rohrbach und Viola Krasniqi, die sich gegenseitig mit einem Unentschieden beschenkten.

Rein sportlich betrachtet war der Abend aus Schweizer Sicht höchst erfolgreich, konnten doch die meisten Schweizer Amateure ihre Gegner aus Frankreich bezwingen. Und die waren ja nicht irgendwer: Mehrere davon waren als Regional- oder gar Landesmeister angereist. Berücksichtigt man, über welch ein Reservoir an bestens ausgebildeten und hart selektionierten Kämpfern die Grande Nation verfügt, kommt diesen Siegen umso höhere Bedeutung zu. Auch bei den wenigen unterlegenen Kämpfern der Schweizer Boxstaffel war die Handschrift von Nationaltrainer Stephan Bernhard unverkennbar. Der eine oder andere Schützling wird noch von sich reden machen...

Leichtgewicht (bis 60 kg)
Kharroubi Ahmed (Dombasle) vs. Bernardino de Brito (BC Montreux)

Der athletisch beeindruckende Brito zeigte in einem höchst intensiven Kampf, dass er sich taktisch weiter entwickelt hat. Er findet instinktiv die Balance zwischen geordneter Defensive und der nötigen Aggressivität. Dabei schlug er regelmässig aus der Halbdistanz hervorragende Uppercuts und konnte punkten, als sein Gegner nachliess. Allerdings verriet der Leichtgewichtler aus Montreux mit zunehmender Kampfdauer seine bekannte Schwäche: Er neigt zu Innenhandschlägen und steht Kopf an Kopf mit dem Gegner. De Brito ist ein leidenschaftlicher Kämpfer. Die technischen Mängel können aber gegen einen Gegner ins Gewicht fallen, den er nicht so solide auspunkten kann wie Kharroubi. Am Ende gewann er aber mit 3:0 verdient
 
Halbweltergewicht (bis 64 kg)
Cédric Vest (Lons-le-Saunier) vs. Robert Barbezat (BC Neuchâtel)

Der Neuenburger zeigte sich gegenüber seinen letzten Kämpfen stark verbessert: Er war in einem intensiven Gefecht ständig im Vorwärtsgang und konnte ab dem zweiten Satz mit kurzen, schnellen Händen punkten. Speziell verbessert hat er sich in der Halbdistanz, wo er vor allem in der letzten Runde immer wieder überlegt mit Kontern punktete. Das begeisterte Neuenburger Publikum trug Barbezat zu einem Sieg gegen einen Gegner, der seinerseits regelmässig punktete, sich aber in den entscheidenden Situation immer wieder in die Ecke drängen liess und dort mit Barbezats Schlagfrequenz nicht mithalten konnte. Ein verdienter Sieg (3:0) für den Neuenburger, der nicht hart schlägt, aber überlegt Punkte sammelte.
 
Ahmed Ibrahmen (Montbéliard) vs. Stefano Ciriolo (Ring Star Vernier)

Beide Boxer bewiesen überdurchschnittliche motorische und koordinative Fähigkeiten und verrichteten überdies exzellente Fussarbeit. Für den Zuschauer bedeutete das höchste Attraktivität, da die Bewegungsabläufe stellenweise wie Ballettsequenzen wirkten. Der leichtfüssig-tänzerische Auftritt beider wurde nicht einmal durch die regelmässigen Schläge gestört, da selbst diese mehr als Bestandteil einer Choreographie wahrgenommen wurden und nicht als Einsatz roher Gewalt.

Ciriolo befand sich permanent im Vorwärtsgang, konnte aber zu Beginn seinen routinierten Gegner nicht wirklich beunruhigen. Dieser stach mit blitzschnellen Jabs aus der Distanz zu, wurde aber mit zunehmendem Kampfverlauf von Ciriolo immer mehr mit Kontertreffern in Bedrängnis gebracht. Der hervorragende Kampf endete in einem offenen Schlagabtausch, der aber nie zur Keilerei wurde, sondern von zwei Boxern geboten wurde, deren strategisches Kalkül bis zuletzt standhielt. Besonderes Lob ist hier dem Genfer Ciriolo zu zollen, der mit seinem ausgezeichneten Auftritt immerhin einen französischen Meister in Schach hielt. Er gewann zwar zu deutlich, aber dennoch verdient mit 3:0 Richterstimmen.
 
Sofiane Benzaaza (Metz) vs. Daniel Gdide (BC Genève)

Der Kampf begann mit einem optisch überlegenen Gast aus Lothringen: Benzaaza beeindruckte Anfangs durch extreme Rhythmuswechsel. Er schoss überfallartig aus dem Rückwärtsgang hervor und schlug in der Beschleunigungsbewegung gefährliche Schwinger. Allerdings sprang er dabei auch wiederholt in seinen Gegner und wurde von RR Beat Hausammann auch verwarnt. Gdide revanchierte sich allerdings, indem er nach dem ersten Gong noch weiterschlug. Beide Boxer führten den Kampf leider nicht ganz sauber, sprangen in den Gegner oder schlugen mit den Innenhänden. Am Ende war Gdide mit einer Wertung von 3:0 der deutliche Sieger, ohne aber überzeugt zu haben.
 
Weltergewicht (bis 69 kg)
Sofiane Laouamri (Montbéliard) vs. Gürkan Akgün (BC Villars-sur-Glâne)

Der für seine Gewichtsklasse enorm schlagstarke Akgün konnte einen Sieg durch Kampfabbruch verbuchen. RR Armin Bracher brach den Kampf ab, nachdem er Laouamri mehrfach hatte anzählen müssen. Zu brachial war die Einwirkung von Akgüns gewaltigen Schwingern gewesen.
Akgüns klarer Sieg (3:0) war absolut verdient. Allerdings wird Coach Stephan Bernhard daran arbeiten müssen, den unbedingten Willen seines Schützlings zum sofortigen K.O. abzumildern. Wenn Akgün seinem Gegner einen Wirkungstreffer verpassen kann, marschiert er sofort ungestüm los. Der maghrebinische Gegner war nicht mehr wirklich verteidigungsfähig. Ein routinierterer Gegner wird aber in der Lage sein, sich Akgüns sofortigem Nachsteigen und dem antizipierbaren Knockout-Schlag zu entziehen und seinerseits die offenen Körperpartien mit kurzen Haken anzuvisieren. Kann sich Akgün strategisch-taktisch aber weiter entwickeln, hat er eine grosse Zukunft vor sich.
 
Federgewicht (bis 57 kg)
Jérôme Labonne (Metz) vs. Gabriel Vitre Diaz (BC Winterthur)

Eine ebenso verheissungsvolle Perspektive hat der zwar nicht mehr ganz junge (25), aber erst seit drei Jahren (!) boxende Diaz aus Winterthur. Es war schon beeindruckend mitzuverfolgen, wie der Leichtgewichtler aus Winterthur das Geschehen aus der kontrollierten Defensive anging, um dann aus einer kompakten Deckung immer wieder pfeilschnelle Hände abzufeuern. In der dritten Runde hatte er das Geschehen vollends unter seine Kontrolle gebracht, vollführte wirkungsvolle Täuschmanöver mit den Armen, um dann auch lange rechte Hände ohne Vorankündigung zu schlagen. Faszinierend ist Diaz’ Fähigkeit, während der ganzen Kampfdauer sofort die Anweisungen aus der Ecke umzusetzen. Damit widerlegt er überzeugend das landläufige Vorurteil, wonach ein Boxer während des Kampfverlaufs für seinen Trainer faktisch nicht mehr erreichbar sei. Diaz bewies eindrücklich, dass trotz Adrenalinausschüttung noch jede Menge Platz für die Verarbeitung taktisch-strategischer Signale bleibt. So kam es, dass Diaz am Ende der drei Runden gegen einen beileibe nicht schlechten Labonne fast nicht getroffen wurde. Es war auch mehr als verdient, dass dieser faire und technisch fein geführte Kampf als bester des Abends ausgezeichnet wurde: Diaz und Lebonne durften als Anerkennung beide eine sportliche Uhr aus einem ortsansässigen Haus entgegennehmen.
 
Mittelgewicht (bis 75 kg):
Asseila Bilaile (Dombasle) vs. Steve Castella (Boxing Kings Bern)

Der Berner bekam es mit einem Gegner zu tun, der in Anbetracht des jugendlichen Alters schon sehr routiniert auftrat: Bilaile lockte Castella immer wieder mit einer aufreizend tief hängenden Deckung nach vorne, um dann urplötzlich harte, schulbuchmässige Links-Rechts-Kombination ins Ziel zu bringen. Bilaile konnte mit dem Jab aus der Distanz blitzschnell zustechen, aber auch gerne mal die Auslage wechseln und aus der Rückwärtsbewegung punkten. Gingen die beiden in die Halbdistanz, hatte der Franzose immer die letzte Hand am Kopf des Gegners. Castella wurde dadurch zusehends zermürbt, fand kein Rezept gegen den variablen Boxer und wurde in der dritten Runde in regelmässigen Abständen abgekontert. Zusehends müde, schlug er mehrfach kraftvoll ins Leere und verzichtete infolge auch auf die eingangs solide Fussarbeit. Der in jeder Hinsicht überlegene Bilaile schlug nun auch harte Hände zum Körper, weil Castella nur noch oben einigermassen dicht machen konnte. Der Franzose gewann absolut verdient mit 3:0 Richterstimmen.
 
Pili Ceverino (Metz) vs. Davide Faraci (BR Baden)
Der Kampf zwischen dem dreimaligen Schweizer Meister im Halbschwergewicht und seinem französischen Gegner begann gleich mit einem Paukenschlag. Beide schlagen enorm hart. Faraci rutscht dabei einmal zu Boden, allerdings nicht nach Schlageinwirkung, sondern in der seitlichen Ausweichbewegung. In der zweiten Runde verwarnt RR Bracher den Franzosen wegen – mehrfach hörbaren - Innenhandschlagens. Es war für die französische Seite ungerecht und für Faraci frustrierend, dass der Kampf gegen Ende der zweiten Runde dann tatsächlich aus demselben Grund abgebrochen wurde: Der RR disqualifizierte Pili, unter hörbaren Protesten des französischen Publikums, wegen des wiederholten Einsatzes der Innenhand. Das Fazit war zwiespältig: Faraci hatte keine wirkliche Standortbestimmung vornehmen können, und die französische Seite fühlte sich benachteiligt. Das Regelwerk stützt allerdings die Kampfbeurteilung durch den RR eindeutig, und zum Glück übertrugen sich die vereinzelten Pöbeleien aus der französischen Ecke anschliessend weder aufs Publikum noch auf die Kämpfer.
 
Halbschwergewicht (bis 81 kg)
Rachid Khadda (Vesoul) vs. Bruno Tavares (BC Villars-sur-Glâne)

Der letzte Kampf des Abends nahm einen unerwarteten Ausgang: Nachdem Schweizer Meister Tavarez die ersten beiden Runden mehr als nur optisch dominiert hatte, mit schweren Händen seinen Gegner immer wieder getroffen hatte und dieser sich durch häufiges Klammern Luft verschaffte, konnte Khadda in der letzten Runde mit grossartiger Gegenwehr das Blatt noch wenden. Mit leidenschaftlichen Kontern konnte er seine offensichtlichen konditionellen Mängel noch wettmachen und gewann schliesslich mit 2:1 Richterstimmen.

Es war für die Schweizer Ecke unbefriedigend mitzuverfolgen, wie Tavares am Ende immer ausrechenbarer attackierte und damit auch zu viele Schläge kassierte. Mit der Beibehaltung taktischer Disziplin hätte er diesen Kampf – auch wenn die Wertung durchaus umgekehrt hätte sein können – nicht mehr aus der Hand gegeben. So aber tat die Niederlage weh, weil sie gegen einen Gegner erfolgte, der in die Enge getrieben und am Ende der Kräfte genau die richtige Taktik wählte.
 
 
Junioren-Resultat  
 
Halbweltergewicht (bis 64kg)
Claudio Nudiavita (BC Villars-sur-Glâne) vs. David Faivre (BC Neuchâtel)
unentschieden
 
 
 



Weitere News


© 2018, Swiss Boxing Federation