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Solar Plexus: Boxen am Bloomsday

Jeweils am 16. Juni gedenkt Dublin dem Bloomsday und bezieht sich damit auf den Roman «Ulysses». Denn im Hauptwerk des irischen Schriftstellers James Joyce ist die Hauptfigur Leopold Bloom der Namensgeber dieses alljährlichen Gedenktages. In einem der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts kommt auch der Boxsport nicht zu kurz.

Am 2. Februar 1922, rechtzeitig zu James Joyce' 40. Geburtstag, erschien im Pariser Verlag Shakespeare & Co. der Roman «Ulysses». Ein Werk von einmaliger Komplexität und Beziehungsfülle. Eine singuläre Erscheinung, die Epos, Chronik, Drama, Reportage, Essay und Entwicklungsroman zugleich ist. Möchte man den beinahe 1000-seitigen Inhalt von «Ulysses» kurz zusammenfassen, dann vielleicht so:

 Der Dubliner Bürger Leopold Bloom verlässt am Morgen des 16. Juni 1904 sein Haus und treibt sich bis lange nach Mitternacht in der Stadt herum, um seine Frau Molly nicht bei einem Schäferstündchen zu überraschen.

Moderne Odyssee
Was soll man von einem Romanhelden halten, der über seine häuslichen Probleme hinwegsieht und einer ganz offensichtlichen Hintergehung unblutig aus dem Weg geht? Ist Bloom ein Weitsichtiger oder ein Weichei? Seine Frau Molly hat ein Verhältnis mit Blazes Boylan, der eine Konzertagentur betreibt. Nebst Konzerten veranstaltet Boylan aber auch Boxkämpfe. Er ist ein hartgesottener und mit allen Wassern gewaschener Bursche. Bloom dagegen ist untrainiert und verabscheut Gewalt. Vielleicht scheut Bloom aus diesem Grund eine offene Auseinandersetzung und vertreibt sich stattdessen lieber die Füsse.

   


Doch «Ulysses» auf eine allzu simple Art darstellen zu wollen, greift zu kurz. Viel zu vielschichtig ist das Werk. «Ulysses» ist im Grunde wie eine Irrfahrt im 20. Jahrhundert und bildet das moderne Gegenstück zu Homers «Odyssee». Joyce travestierte darin Motive und Gestalten, und einige Portraits waren böswillige Karikaturen, mit parodistisch-verfremdeten Zügen, angehäuft mit komischen und abwechslungsreichen Sprachabenteuern. Jedes der 18 Kapitel kann einer Episode aus dem homerischen Epos zugeordnet werden. Dabei wird das jeweilige Thema nicht nur inhaltlich, sondern auch durch die stilistische Komposition dargestellt. Beispielsweise ist das zwölfte Kapitel («Zyklop») vollständig in Form von verschiedenen Berichten verfasst.



Pucker und Queensberry-Regeln
«Der Schiedsrichter verwarnte Pucking Percy zweimal wegen Klammerns, aber der Favorit war schlau und seine Beinarbeit zu beobachten ein Vergnügen. Nach einem flotten Austausch von Höflichkeiten, während dessen ein smarter Aufwärtshaken des Kriegsmanns reichlich Blut aus dem Munde seines Gegners fliessen liess, fiel der Favorit plötzlich über den anderen her und landete eine schreckliche Linke auf Battling Bennetts Magen, die jenen auf die Bretter legte. Es war ein sauberer und tüchtiger K.o. Inmitten gespanntester Erwartung wurde der Portobello-Boxer ausgezählt, Bennetts Sekundant Ole Pfotts Wettstein warf das Handtuch, und der Santry-Boy wurde unter den frenetischen Beifall des Publikums, das in den Ring einbrach und ihn vor Begeisterung fast erdrückte, zum Sieger erklärt.»

Auch wenn in dieser Textstelle reichlich Blut fliesst und der Portobello-Boxer letztlich am Bretterstaub riecht, so darf der Leser versichert sein: es geht alles mit rechten Dingen zu! Wir können jedenfalls davon ausgehen. Denn in einer vorher gehenden Textpassage – in einer ebenfalls beschriebenen Kampfszene – verweist Joyce auf die Queensberry-Regeln. Wie die meisten Box-Aficionados vielleicht wissen, begründete John Sholton Douglas - Marquess of Queensberry (1844 - 1900) - die Regeln des modernen Boxsports mit Boxhandschuhen anziehen und den dreiminütigen Runden.



Wenn Leopold Bloom kurze Zeit später ein typisches, irisches Pub betritt, fliegen ihm nicht etwa Fäuste, jedoch ein geradezu imitierender Slang und ein schnodderiger Sprachduktus entgegen. Dagegen liest sich diese Boxkampf-Szene wie aus einem Zeitungsbericht, und man darf sich vielleicht augenzwinkernd fragen: Handelt es sich dabei um Frühformen der heutigen Sportberichterstattung einer uns bekannten Boulevard-Zeitung?

«Pucker» steht im Englischen umgangssprachlich für einen Boxer; «Battling Bennetts» könnte man frei als «Kämpfer Bennett» übersetzen. Ein «Santry-Boy» wohnt im Vorort und in der Pfarrgemeinde im Norden Dublins; und die Portobello-Kaserne war das Hauptqartier der britischen South Dublin Division im Dubliner Militärbezirk. Dort wurde am 29./30. April 1904 ein Boxturnier durchgeführt, darunter ein Kampf zwischen Myler L. Keogh (Dublin) gegen Garry von den 6. Dragonern. Keogh gewann diesen Kampf in der dritten Runde.

Kecksdose und Felsen
Ole Pfots Wettstein wiederum ist eine Anspielung auf den norwegischen Vizekonsul Georg Wettstein, mit dem sich James Joyce während seines Zürcher Exils leidenschaftlich zerstritten hatte und dem er unter einer nordisch anmutenden Namensveränderung die Rolle des Handtuchwerfers zuspielt – kurz: «Ulysses» steckt voller Anspielungen und wird die Literaturwissenschaft vermutlich noch eine Weile beschäftigen. Der geneigte Leser soll sich aber davon nicht abschrecken lassen.




Das Thema des «Zyklopen»-Kapitels ist der Antisemitismus. Der jüdische Anzeigenverkäufer Bloom fühlt sich dem hilflos ausgesetzt. Der gemeine Pub-Besucher stellt sich als engstirniger irischer Nationalist heraus und fängt an, ihn zu belästigen. Im Pub knistert es heftig. Bevor es im Pub jedoch zu einer wüsten Schlägerei kommt, tritt ein Bekannter von Bloom ein und nimmt ihn gerade noch rechtzeitig mit sich, derweil verbale Attacken schon längst im vollen Gange sind. Der geifernde Mob wirft Bloom eine Keksdose hinterher – ähnlich wie Polyphem, der Odysseus einen Felsen nachschleudert. Michael Heisch



James Joyce: «Ulysses», kommentiert und herausgegeben von Dirk Vanderbeke. Übersetzung: Hans Wollschläger. Suhrkamp Verlag KG. Juni 2004. Gebunden, 1100 Seiten.





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