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Der Marquis, der Dichter und der Rockstar

Der Schöpfer der modernen Boxregeln, John Sholto Douglas - der neunte Marquess of Queensbery - und der irische Schriftsteller Oscar Wilde führten eine unerbitterliche Feindschaft. Von diesem zermürbenden Verhältnis wusste auch der britische Rockstar Morrissey, was ihn zum Song
«Boxers» inspirierte.




"Boxers"

Oscar Wilde

Der Einfluss der britischen Band
«The Smiths» auf die Rockmusik darf nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihre Musik lässt sich zwar keiner musikalischen Richtung zuordnen, dennoch gelten «The Smiths» als die Begründer des Indie-Rock schlechthin. Die beiden Masterminds der Band waren der charismatische Sänger Steven Patrick Morrissey - von den Fans schlicht Morrissey genannt - und der Ausnahmegitarrist Johnny Marr. Während der Dauer ihres Bandbestehens (1982 bis 1987) sorgte «The Smiths» für originelle und provokative Popmusik; später kam es unter den vier Musikern allerdings zum Zerwürfnis, was für Morrissey zugleich der Start einer unvergleichlichen Solo-Karriere bedeutete. Ein eingängiger Song aus einem Solo-Alben heisst und entstand 1995, genau 100 Jahre nach der Festlegung der Queensberry-Regeln. Dies war von Anfang an von Morrissey als Veröffentlichungsdatum so beabsichtigt, und bereits auf Morrisseys fünftem Soloalbum «Southpaw Grammar» sind Anspielungen auf Oscar Wilde kaum überhörbar - «Southpaw» ist bekanntlich der englische Terminus für einen Rechtsausleger.


Auf dem Single-Cover von
«Boxers» ist der irisch-amerikanische Weltmeister im Federgewicht Billy Conn (1917 - 1993) abgebildet. «The Pittsburg Kid» stieg im Welter- und Mittelgewicht durch Siege über Fritzie Zivic, Vince Dundee und Teddy Yarosz in die Weltklasse auf. Im Juni 1941 versuchte Billy Conn dem Schwergewichtler Joe Louis die Krone zu entreissen. Zwar lag Conn nach der 13. Runde nach Punkten vorn; er stolperte allerdings über seinen eigenen Übermut und verlor schliesslich durch K.o. Nach dem Kampf erklärte Conn: «Ich habe den Kopf und eine Million Dollar verloren». Pikant: Morrissey veröffentlichte die Single ungefähr zur selben Zeit, als er im Prozess gegen den Schlagzeuger Mike Joyce vor Gericht stand und es ebenfalls um eine Menge Geld ging. Auf Brandos Bemerkung in «Die Faust im Nacken»: «Ich hätte was werden können, zumindest ein klasse Boxer», erwiderte sein Bruder Charlie: «Du hättest ein zweiter Billy Conn werden können» – was selbstredend Billy Conns entsprechendes Ansehen unterstreicht.

«Macho»-Rocksänger?
Dass Morrissey Mitte der 90er Jahren einen Song zum Thema Boxen schrieb, ist insofern nicht verwunderlich, da er zu jener Zeit mit dem Ex-Boxer und Fotografen Jake Walters befreundet war, der ihn regelmässig zu Boxkämpfen mitnahm und im lyrisch-empfindsamen Rocksänger eine wahre Begeisterung für den rauen Sport auslöste. Viele mit dem Boxsport nicht vertrauten Fans reagierten allerdings eher erstaunt darüber und vermuteten dahinter ein verkapptes
«Macho»-Image, welches sich Morrissey medienwirksam zulegen wollte. Manche Morrissey-Anhänger beurteilen «Boxers» denn auch als ein weniger gelungenes Meisterwerk, «seine Lyrik klingt so, als habe er einiges morgens beschlossen, einen Song übers Boxen zu schreiben, weshalb er wahllos im Diktionär die dafür nötigen Wörter zusammen reimte», höhnen einige Stimmen auf den einschlägigen Fan-Sites, zudem klinge das Intro wie «Angel Of Harlem» von «U2» kritteln andere. Hinter dem Album «Southpaw Grammar» vermuteten die Anhänger und die Musikpresse gar ein Konzeptalbum rund um das Thema Boxen; andere sehen dahinter ganz allgemein eine künstlerische Auseinandersetzung zum Thema Gewalt in der heutigen Gesellschaft.

Bevor hier nun von der verleumdenden Auseinandersetzung zwischen Oscar Wilde und dem Marquis zu reden ist, vergegenwärtigen wir uns kurz, welche grundlegende Erneuerungen John Sholto Douglas für den modernen Boxsport schuf.

Handschuhe, Zeitbegrenzung und die Folgen

Das erste Regelwerk mit Boxhandschuhen gab es bereits im Jahr 1867, aufgestellt allerdings von einem Freund des Marquess of Queensberry. Die Regeln wurden aber ab 1895 als Queensberry-Regeln bezeichnet. Ein Passus beinhaltete beispielsweise, dass zum Kampf gepolsterte Handschuhe angezogen werden müssen, um möglichen Verletzungsgefahren entgegen zu wirken. Die Handschuhe besassen damals übrigens ein Gewicht von vier bis sechs Unzen. Ferner kämpften die Boxer von nun an in unterschiedlichen Gewichtsklassen, und die Rundenzeiten von drei Minuten, auch die einminütigen Pausen, wurden ebenso festgelegt.


 Kam ein K.o. gegangener Boxer nach zehn Sekunden nicht wieder auf die Beine, war dies sein definitives Aus, der Match wurde daraufhin unwiderruflich abgebrochen.

Das alles hatte zur Folge, dass nicht mehr die Brachialgewalt über das Geschehen diktierte. Technik, Schlagfertigkeit und Taktik und nicht zuletzt gutes Stehvermögen entschieden über Sieg und Niederlage. Damit während des Kampfes alles richtig her und zu ging, dafür sorgten strenge Ring- und Punktrichter. Mit Würde, geschicktem Umgang und ernster Miene war der Ringrichter sozusagen
«der dritte Mann» und verkörperte das kollektive Gewissen. Er alleine trug die Verantwortung für die Gesundheit der Boxer und wachte über die Einhaltung der Regeln und besass die Befugnis, einen Kampf rechtzeitig abzubrechen.

Die gröbsten Unsportlichkeiten waren damit schon einmal eliminiert. Interessant scheint vielleicht die Einführung der zeitlichen Rundenbegrenzung. Denn dies stellt exemplarisch den historischen Grenzgang zwischen Wildnis und Zivilisation dar oder so gesehen, den Übergang vom frühindustrialisierten England (der rohen Sitten) ins viktorianische Zeitalter (der vermehrt deutlichen Reglementierungsabsichten).


Queensberry

Anschuldigungen und künstlerischer Fall
1895 – also im Entstehungsjahr der Queensberry-Regeln - kam es zwischen John Sholto Douglas, 9. Marquess of Queensbery und Oscar Wilde zu einer wüsten Auseinandersetzung, welche zum schmachvollen Niedergang des Schriftstellers führen sollte.


Wilde führte zu Queensberrys drittem Sohn Lord Alfred Douglas (von allen «Bosie» genannt) ein homosexuelles Verhältnis, weshalb Queensberry seinen Club aufsuchte, der von Oscar Wilde regelmässig frequentiert wurde und hinterliess dort seine Visitenkarte.

Auf der Visitenkarte stand mit zusätzlicher Handschrift
«For Oscar Wilde posing as sodomite» - «Für Oscar Wilde, posierender Sodomit», was damals gleichbedeutend wie Homosexueller war. Das zog eine Verleumdungsklage nach sich und der Marquis musste im Verlaufe der Verhandlungen beweisen, dass seine Anschuldigungen nicht der Wahrheit entsprachen.

 Doch im Verlaufe des Prozesses wurde der Kläger zum Angeklagten. Brisante Details aus Wildes Privatleben wurden enthüllt und zur Sprache gebracht. So solle Wilde sexuellen Kontakt zu jungen Männern aus der sozialen Unterschicht gehabt haben, darunter auch mit männlichen Prostituierten. In jedem Falle entschied sich die Jury gegen Wilde, und Queensberry wurde für «nicht schuldig» erklärt. Wilde verbrachte darauf zwei Jahre im Zuchthaus, was der Genickbruch seiner künstlerischen Karriere bedeutete. Vor diesem Hintergrund entstand Morrisseys Songtext.

Exzentriker und Zündstofflieferant
Zeitzeugen nach soll der Marquis zwar ein sportbegeisterter Aristokrat gewesen sein, in seiner exzentrischen Art war er jedoch nicht unbedingt mit der feinen, englischen Noblesse ausgestattet. Er galt als kapriziöser Streithahn, der aber mit viel Geschick die rohe Kraft des
«Prize Fight» nach Reglementen zu organisieren wusste.

Nicht weniger schillernd lebt Morrissey. Als überzeugter Vegetarier und begeisterter Anhänger von Oscar Wilde, als in Zölibat lebender Homosexueller und eifriger Dauerkritiker des englischen Königshauses sorgt er mit kontroversen Texten und provokanten öffentlichen Äusserungen immer wieder für genügend Zündstoff und Diskussionen. Seit seiner Kindheit ist Morrissey als exzentrischer Einzelgänger bekannt, nur wenige Personen gehören zu seinem engsten Freundeskreis (darunter die Sängerin und Fotografin Linder Sterling und Nancy Sinatra). Vielleicht ergibt sich darin eine weitere Parallele zwischen Rockstar-Einzelgängertum und der Einsamkeit des boxenden Einzelkämpfers im Ring: Eigenwilligkeit und Eigensinn. Morrissey führt jedenfalls eine wortreiche und scharfsinnige Klinge und ist kaum mit einem grobmotorigen Schreibtisch-Rundumschläger vergleichbar. Doch nur so konnte er mit intelligenten Texten und eingängigen Melodien auf eine grosse Fangemeinde zählen. Michael Heisch




Quellen u.a.:
«Im Gespräch mit Morrissey» von Len Brown, Hannibal Innsbruck, 424 Seiten, zahlreiche Fotos, ISBN-Nummer 978-3-85445-311-6.

Videoclip "Boxers":
http://www.youtube.com/watch?v=lFVdmGIZlyc

 




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