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AIBA-WM: Denkwürdiges

Denkwürdiges und Merkwürdiges von der Box-WM in Mailand


Gusti Strobl


01.10.2009 - Die AIBA Box-Weltmeisterschaft in Mailand war die eindrücklichste, die Gusti Strobl je erlebt hat. Das Schweizer Box-Urgestein ortete aber auch katastrophale Mängel. Seine Eindrücke hat er aufgeschrieben – damit wird bestätigt, dass unsere Anlässe in der Schweiz gut organisiert sind.


Der Aufwand

Der finanzielle und personelle Aufwand einer solchen Veranstaltung ist enorm und in keinem Verhältnis zum Ertrag: So musste für fast drei Wochen nicht nur die Halle gemietet werden, sondern auch sämtliche Nebenräume, etwa für die Offiziellen der AIBA. Alleine in der Trainingshalle standen 8 Hochringe und hingen 16 Sandsäcke.


Die Medien

Insbesondere der Aufwand für die Medien war riesig. Über 100 Computer-Anschlüsse standen zur Verfügung. Die Fotografen mussten sich an streng numerierte Sektorenbereiche halten. In der Pressezentrale wurden Tausende von Kopien gemacht und von Hand mit einer Zange geheftet.


Die Abschottung

Der Innenraum der WM-Halle mit den 2 Hochringen war hermetisch abgeriegelt. Die Kampfrichter waren praktisch kaserniert und mussten in einem Raum mit zwei Bildschirmen auf ihren Einsatz warten. Sie wurden genauso von Offiziellen zum Ring begleitet wie die Boxer und ihre Trainer – und wieder weg geführt. Niemand konnte sich frei bewegen. An jedem Ring standen zwei Helfer, die die nassen Plachen in den Ecken trockneten.


Die Sicherheit

Der Sicherheits- und Ordnungsdienst mit gegen 100 Personen wurde von Adidas mit Trainern ausgestattet. Praktisch alle Helfer waren mit Funkgeräten verbunden. Es durften keine Videoaufnahmen von Offiziellen oder Zuschauern gemacht werden: Der Sicherheitsdienst griff sofort ein.


Die Übertragung

Einfach super war die visuelle Übertragung der Kämpfe für die Zuschauer in der Halle. Wie bei den Profis stand ein Kameramann in der neutralen Ecke. Eine andere Kamera war über dem Ring fixiert. So konnte man die Gesichter der Boxer und Betreuer klar erkennen und vor allem die Treffer sehen. Riesige Videowände zeigten die Kämpfe mit der Punkt- und Zeiteingabe.


Der Box-Marathon

Mit 554 Boxern und 543 Kämpfen wurde die Grenzen des Machbaren sicher erreicht: Täglich fanden zwischen 44 und 70 Ausscheidungskämpfe in zwei Ringen statt – für die meisten eine grosse Belastung. Nur die 22 Halbfinale und 11 Finalkämpfe wurden im selben Ring ausgetragen.

Die Übermacht hatten die Länder aus dem Russischen Raum und Asien. Am Ende hiess es: 1. Russland, 2. Italien, 3. Usbekistan, 4. Cuba, 5. Ukraine.


Viel Verwirrung

Die Zeitnehmer waren überfordert, vor allem am Anfang. Die ersten Kämpfe mit zwei Signalen führten wegen unterschiedlichen Kampfzeiten zu Unterbrüchen und Verwirrungen. Bei der zweiten Veranstaltung mit zwei Gongs war es nicht besser. Erst mit einer Glocke und einem Signal wurde es besser.

Es kam vor, dass in einem Kampf in der 2. Runde fast 4 Minuten geboxt wurde. Für Verwirrung sorgte der Zeitnehmer, der bei «kd» die Sekunden angab, jedoch bei 8 nicht stoppte und den Rundenbeginn neu auslöste.

Ein Ringrichter hob bei der Urteilsverkündung den Arm des Verlierers in die Höhe! Ein anderer sah nicht, dass der vierte Punktrichter fehlte, Helmut Ranze (TK) liess den Kampf nach 30“ stoppen. Auch beim Kampf von Camarelle fehlte ein Punktrichter.

Besonders hart traf es einen Sportler, der mit 5 Punkten führte und eine Sekunde vor dem Kampf Ende durch den Ringrichter mit RSC gestoppt wurde.

Die Zuschauer

Die ersten Zuschauer kamen erst am Samstag Nachmittag und am Abend – und nur wegen der Italiener. Am Montag musste schon wieder ohne Öffentlichkeit geboxt werden. Die Gegentribüne war immer leer. Trotzdem wurden die Boxer, die nicht im Einsatz waren und zuschauen wollten, auf die Stirnseiten der Halle verwiesen.


Die Vermarktung

Es gab nur einen Verkaufsstand von Adidas. Und keinen einzigen Stand mit Souvenirs, Postern oder Plakaten.


Der Frust

Die Boxer und Betreuer, die sich akribisch auf diese WM vorbereitet hatten und alles für den Sport einsetzten, sind zu bedauern. Ständig unter Zeit- und Erfolgsdruck, weil nur der Sieg zählt, gingen sie in der ganzen Veranstaltung unter. «Gewonnen» haben dann die Offiziellen der Landesverbände.


Die Selbstdarstellung

Der AIBA Präsident Dr. Ching-Kuo Wu und der Präsident des Olympischen Verbandes Samaranch sassen praktisch alleine in den Ehrenlogen. Letztlich war die WM eine Selbstdarstellung der AIBA.


Das Fazit

Trotz viel Merkwürdigem war diese WM für mich ein Riesenerlebnis und ein würdiger Abschluss in meinem Engagement um den Boxsport.


Gusti Strobl

 

 

 

 


 

 

 




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