News

Fliegende Fäuste mit Tradition und eine Boxtrainer-Legende

Der Boxclub Winterthur feiert dieses Jahr sein 80jähriges Bestehen. Angeführt wird der mitgliederstarke Club vom Gipsermeister und Immobilienbesitzer Reinhard Meier. Ob seine Hand kunstvolle Stuckaturen modelliert oder er als Präsident mit viel Geschick das Vereinswesen führt und früher gar selber die Fäuste fliegen liess, Reinhard Meier sieht sich vor allem als einen «Chrampfer».

05.09.2010 - «Ich bin ein richtiges Arbeitstier! Ich gehe spät ins Bett und stehe sehr früh wieder auf», die Zeit dazwischen wird mit Arbeit und abermals Arbeit ausgefüllt. Reinhard Meier sagt dies in einem ruhigen und entspannten Tonfall, seine Augen blicken milde. Keine Spur von zerknirschter Entbehrung über eine arbeitsintensive Lebenszeit. Warum auch? «Ich habe praktisch all meine Ziele erreicht und es zu einem gewissen Wohlstand gebracht», führt seine sonore Stimme weiter an. Meier ist ein Meister im filigranen Stuckaturbereich und Experte im rauen Sport des Faustfechtens. Mit 62 Jahren ist der Körper des dreifachen Familienvaters immer noch stämmig. In seinem Gesicht steckt keine verunstaltete Nase, auch sind keine für Boxer sonst so üblichen Blumenkohlohren ersichtlich.

Reinhard Meier stand ab dem 15. Lebensjahr regelmässig im Ring, zuerst als Aktiver im Feder- und Bantam-Gewicht. Später führte ein folgeschwerer Autounfall dazu, dass er die Boxhandschuhe an den Nagel hing und sich fortan als Trainer mit internationaler Ausrichtung betätigte und seit nun mehr 20 Jahren als Präsident den traditionsreichen Boxclub Winterthur führt. Überhaupt verkörpert er in seinen verschiedenen Funktionen eine regelrechte Personalunion – denn er ist zugleich Kassier, Aktuar und Manager.
«Ich habe mir immer gesagt, das kann ich auch - das kann ich sogar besser». Der Erfolg sollte diese selbstbewusste Einstellung rückblickend bestätigen.

Seit 1974 ist Meier selbständiger Unternehmer, im Herzen sei er jedoch ein Stuckateur geblieben; einer, der das alte und feine Handwerk mit viel Fingerspitzengefühl betreibt. Sein reiches Fachwissen ist vor allem dann gefragt, wenn die öffentliche Hand oder auch Private kunstvolle Stuckarbeiten bewahren oder sanieren wollen. Vielleicht liegt Meiers Stärke nebst praktischem Können in seinem aufmerksamen Zuhören. Oder dass der
«Chrampfer» völlig unverkrampft auf Menschen zugehen kann - schliesslich gilt es Mitarbeiter und Sportler gleichermassen zu motivieren und sie zu Höchstleistungen anzutreiben.

Im Gipsergeschäft und in den zwei Immobilienfirmen arbeiten bis 90 Angestellte. Im Boxclub trainieren 140 Sportler, vier davon sind lizenzierte Wettkampfboxer. Auch zehn Frauen rackern sich drei Mal wöchentlich an den Sandsäcken ab, zwei unter ihnen haben ebenfalls eine Wettkampflizenz (Yvonne Rigling und Larissa Knöpfel). Den jungen Menschen erteilt Meier häufig den Rat:
«Engagiert euch in einer Vorstandstätigkeit. Dort lernt ihr das Wesentlichste in Führungsaufgaben und im Projektmanagement. Egal, ob nun in Politik, Kultur, Sport oder Soziales.» Steht der Boxsport also auch für das ewige Sinnbild des «Lebenskampfes»? «Ja», sagt Meier knapp. Denn letztlich müsse man im Leben um alles kämpfen. Aber man lerne dadurch auch Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen.

Blut, Schweiss und Tränen
Einer der sich beim strengen Boxtrainer erst durchsetzen und beweisen musste, ist der heute 44jährige und in Luzern lebende Italoschweizer Giovanni Jemma. Meier erinnert sich:
«Eines Tages stand ein stark übergewichtiger und pummeliger Mann vor mir und sagte: ‚Ich habe gehört, du seist der Beste – mach aus mir einen Boxer!’ – worauf ich es mit einem extrem harten Spezialtraining versuchte.» Meier zweifelte zunächst an Jemmas mentalen Fähigkeiten, überdies war seine physische Verfassung einfach nur erbärmlich. Was dann aber folgte, ist vielleicht ein gelungenes Beispiel von Nachwuchsförderung, die nur dank unermüdlicher Arbeit des Trainers und Managers möglich war - zwei Jahre später war Giovanni Jemma Schweizermeister im Mittelgewicht und nahm danach sogar eine Profikarriere in Angriff.

Reinhard Meier dürfte dabei nicht immer nur der friedsame Zuhörer mit der beruhigenden Stimme gewesen sein.
«Ich stellte ihn vor seinen Kollegen bloss. Machte ihn klein. Zeigte ihm auf, dass er ein Nichts sei.» Das klingt brutal und verabscheuungswürdig – war aber in Tat und Wahrheit Kalkül und Teil einer langen Aufbauphase. Der junge Boxer wusste davon und schien gierig danach zu lechzen. Der US-amerikanische Box-Equipment-Ausstatter «Everlast» gab eine T-Shirt-Kollektion heraus. In grossen Lettern prangt auf der Vorderseite Winston Churchills Zitat «Blood, Sweat And Tears». In den Körpersäften «Blut, Schweiss und Tränen» dürfte Jemma gleich literweise gebadet haben; der übergewichtige Secondo-Junge durchlitt einen wahren Aderlass, der ihn letztlich an sein heiss ersehntes Ziel brachte. «Der Box-Guru», wie Reinhard Meier von vielen seiner Anhängern gerne genannt wird, bemängelt Jemmas nicht besonders ausgeprägte Technik, attestiert ihm aber einen umso härteren Schlag. Unter den Faustkämpfern gibt es die «Stuckateure», die filigranen Techniker, die gezielt und fein zustechen. Und es gibt die notorischen Grobmotoriger, die einfach fest zuhauen.

Am 31. Januar 2004 erhielt der inzwischen zum Profiboxer avancierte Giovanni Jemma die Startgelegenheit, in Kiew um den IBF-Interkontinental-Titel im Halbschwergewicht zu boxen. Sein Kontrahent war der Lokalmatador Vadim Safonow. Reinhard Meier bereitete seinen unterdessen 35jährigen Schützling intensiv auf diese hart zu bewältigende Begegnung vor. Jemma bot vor 6'000 begeisterten Fans einen beherzten Kampf, den er allerdings nach 12 Runden nur knapp nach Punkten verlor. Dennoch – 20 Kilo Übergewicht verlieren, sich selbst überwinden und im Brennpunkt verschiedener Fernsehstationen stehen, darunter SAT 1 und Eurosport - für Giovanni Jemma war es vielleicht der Triumph seines Lebens. Und für die Winterthurer Trainerlegende ein Grosserfolg.



Angehrn, Berisha und Querelen
Meiers Augen leuchten, er blättert in einem seiner unzähligen Fotoalben, welches sich wie ein
«Who is Who» der internationalen Boxsportprominenz gestaltet. «Das war vor ungefähr zehn Jahren, in einem Trainingslager auf Gran Canaria. Vitali Klitschko stand praktisch noch am Anfang seiner vielversprechenden Karriere», deutet er auf ein farbverwaschenes Bild. Der stämmige Guru im blauen T-Shirt droht hinter einem durchtrainierten, ukrainischen Felsen zu verschwinden. Aber ganz Meier-optimistisch hält er den Daumen hoch, als gäbe er dem Betrachter zu verstehen: «Alles O.k. – besser er im Ring als ich»

Im Schulhaus Heiligenberg trainierte für den Box Club Winterthur unter anderem auch die Thurgauer Boxlegende Stefan Angehrn. Im April 1997 organisierte Meier einen Profikampf im Zürcher Hallenstadion gegen den WBO-Weltmeister im Cruisergewicht Ralf Rocchigiani. Es war Angehrns zweiter Anlauf gegen Rocchigiani; der Lipperswiler hatte sich damals während zehn Wochen in New York und London auf diesen Kampf vorbereitet. Der WM-Kampf stiess aber auf wenig Resonanz, lediglich 3'000 Eintrittskarten wurden verkauft. Das erstaunt angesichts der Euphorie, die der erste Kampf ausgelöst hatte. Knapp 400'000 Personen verfolgten damals gegen Mitternacht vor dem Fernseher die Leistung eines Schweizer Aussenseiters. Die Zuschauer reagierten wohl deshalb mit Vorsicht, nachdem im Dezember 1995 ein WM-Kampf gegen den Amerikaner Virgil Hill im letzten Moment abgesagt wurde.

Im Verlauf der Vereinsgeschichte hatte der Boxclub Winterthur nicht immer nur eine glückliche Hand mit seinen Schützlingen. Nebst phasenweise vereinsinternen Querelen, eine endete gar vor Gericht, kommt man unweigerlich auf
Bashkim Berisha, den als «Dübendorfer Parkplatzmörder» bekannt gewordenen, ehemaligen Thaibox-Weltmeister zu sprechen. Der zu 14 Jahren Gefängnis verurteilte und heute 29jährige Berisha machte zuletzt von sich reden, weil er das Strafmass beim Zürcher Obergericht angefochten hatte. Reisst der Name Berisha für den ehemaligen Trainer alte Wunden auf? Immerhin hat Bashkim Berisha während fünf Jahren im Untergeschoss des Schulhauses Heiligenberg olympisches Boxen trainiert. «Natürlich!», bedauert dies Reinhard Meier. «Zu einem Boxer baut man ein Vater und Sohn-Verhältnis auf. Die tragische Geschichte mit Bashkim war ein Tiefpunkt für mich.» Die Medien stürzten sich auf diesen Fall. Meiers Name tauchte immer häufiger nicht nur in der Boulevardpresse auf. Etwas ungeschickt war vielleicht in diesem Zusammenhang Meiers Aussage im Zürcher Lokalfernsehen, man müsse die Boxer vor einem Kampf richtig scharf machen, die funktionieren wie Maschinen. Was zu Missverständnissen führte. «Das bezog sich klar auf die sportliche Haltung. Das hat nun nichts mit dem privaten Umgang zu tun oder soll gar zu Gewalt und Aggressionen aufrufen!», hält Reinhard Meier dies klar fest. Zu Berisha Bashkim führe er keinen Kontakt mehr, zu gross sei seine Enttäuschung über diese verwerfliche Straftat.

Gestern, heute und morgen
Der Boxsport in Winterthur hat Tradition. Der im Jahre 1930 gegründete Boxclub Winterthur verzeichnete vor allem in den 50er und 60er Jahren grosse Erfolge. Auffallend: Es waren immer die Namensvetter Meier, die bislang den weiten Weg wiesen und Jahrzehnte die Vereinsgeschichte prägten. In den 50er Jahren war es ein gewisser Max Meier. Er erkämpfte neben zahlreichen Meistertiteln auch den eines Europameisters bei den Amateuren. Sein Nachfolger und Zugpferd der 60er Jahren hiess Ruedi Meier, ein Schwergewicht. Aufgrund seiner Erfolge (zehnmal Schweizer Meister) qualifizierte er sich zweimal für die Olympiade. Sein Kampfname lautete
«der letzte Bär aus dem Tösstal». Schiesslich Reinhard Meier. Dessen Sohn Ramia wiederum machte bereits als jüngster je erkorener Schweizer Meister Furore. Sein Leistungsausweis: zweifacher Deutschschweizer Meister, Badischer Regionalmeister in Deutschland sowie zweifacher Titelträger der Schweiz. Ramia Meier ist heute 25jährig, boxt jedoch nicht mehr aktiv und arbeitet im Unternehmen seines Vaters.


Die Staffel des Box-Club Winterthur von 1962

Der Schweizer Boxsport erlebte also gerade in den 50er Jahren seinen Höhepunkt und war nebst Fussball und dem Radsport die Publikumsattraktion, was folgender Zeitungsausschnitt (aus den
«Schaffhauser Nachrichten») der damaligen Zeit eindrücklich illustriert:

«Die Zugkraft der Schaffhauser Boxer wurde am vergangenen Samstagabend erneut unter Beweis gestellt. Der nur 380 Personen fassende ‚Schiff’-Saal war so vollgestopft, dass die Boxer jeweils über die Köpfe der Zuschauer hinweg auf den Ring gehisst werden mussten! Schon eine halbe Stunde vor Meetingsbeginn spielten sich an der Kasse dramatische Szenen ab, weil manche der Zuspätgekommenen mit Bitte und Drohungen versuchten, doch noch irgendwo unterschlüpfen zu können.»

Der Boxclub Winterthur kämpfte gegen den Box Club Schaffhausen
und erlebte eine herbe 13 : 3 Niederlage. Unter den Kämpfern war auch Ex-Schweizermeister Max Weidmann, der in Schaffhausen als besonders populär galt. Ein grosses Zugpferd war später Fritz Chervet. Der «Wädli»-Tempel mutierte nur für eine kurze Zeit zur grossen Boxarena: In den 70er Jahren füllte der Fliegengewichtler das alte Zürcher Hallenstadion mit seinen 17'000 Plätzen, zu einem Zeitpunkt, als «Fliegen-Fritzli» zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt wurde. In den 80er Jahren waren es vor allem deutsche Amateure, die Weltruf erlangten.

«Der Schweizer Amateur-Boxsport hat sein Niveau stark verbessert», beurteilt Reinhard Meier die heutige Situation und lobt vor allem die gute Technik der meisten Faustkämpfer. «Oft scheitern die Schweizer an den finanziellen Mitteln. Sportlern aus anderen Ländern stehen weit mehr Fördergelder zur Verfügung». Auch habe das Sponsoring für den Kampfsport in den letzten Jahren stark abgenommen – immer mit der Betonung auf Amateur-Boxen. Das Profiboxen, so schrieb kürzlich ein deutsches Fachmagazin für Sponsoring, stünde auf dem fünften Platz der von den Firmen bevorzugten und begehrten Sportarten. Nichtsdestotrotz spürt Meier in letzter Zeit auch ein steigendes Interesse am Amateur-Boxen, gerade unter Schweizer Jugendlichen und neuerdings auch bei Kindern. Er vermutet dahinter einen allseitigen Wunsch, sich gut verteidigen zu können. Vermutlich entspricht es aber auch unserer Zeit, den (Computer-)Bildschirm zwischendurch abzuschalten, um sich stattdessen furchtlos auf physische Direktbegegnungen einzulassen.

Ausblick

80 Jahre Boxclub Winterthur – was wünscht sich jemand, der auf ein arbeitsames Leben zurückblicken kann und mit vielen Erfolgen verwöhnt wurde? «Ich könnte noch viele weitere Präsidien übernehmen und leiten, aber es wird mir einfach mal zu viel», schmunzelt Reinhard Meier, «wahrscheinlich werde ich mich vermehrt meinem neusten Hobby widmen, dem Radfahren.» Meier wäre wohl nicht Meier, wenn er dies nicht mit ebenso viel Hingabe und Leidenschaft betreiben würde wie alles andere auch.
Michael Heisch



Weitere News


© 2018, Swiss Boxing Federation