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Solar Plexus



Überdimensionierte (Boxer-)Nasen auf kleinen Körpern

Seine Striche sind so knapp wie ein bündiger Kinnhaken, sein Humor trifft auf den Punkt: Nicht umsonst wurde der österreichische Karikaturist Nicolas Mahler (Bild links) mehrfach ausgezeichnet.


Nicolas Mahler gehört zu den ganz wenigen Zeichnern im deutschen Sprachraum, die sich auf die hohe, indes oft hartnäckig unterschätzte Kunst des Comicstrips verstehen. Er weiss, wie man aus Beschränkungen eine Tugend macht, wie man die immer gleiche Situation in wenigen Bildern ohne zu langweilen durch- und gewitzt ausspielt. 



Das Figurenarsenal ist so klassisch wie beliebt: Untote aus Horrorstreifen und B-Movies beleben Mahlers minimalistischen Mikrokosmos des Grotesken. Selbst Sylvia Kristel, respektive der ähnlich lautende 70er-Jahre Softporno wird in
«Emanuelle’s last flight» gehörig verballhornt. Ganz nebenbei macht sich Mahler einen intelligenten Spass und Sport daraus, Boxer zu veräppeln - etwa dann, wenn ein abgehalfterter «TNT» nochmals in den Ring steigt.




Aufmerksamer Beobachter
Für den in Wien lebenden Comic-Zeichner ist vor allem das Umfeld einer Boxveranstaltung interessanter als denn die eigentlichen Kämpfe. Gerade als ein aufmerksamer Beobachter sind es vermutlich die kleinen, fast unbemerkten Begebenheiten am Rande des Rings, die ihn zu einem wahren zeichnerischen Leistungssport antreiben. Was hat Nicolas Mahler zu seinem Comic «TNT - Eine Boxerstory» inspiriert? «Ich wollte einige Genre-Stories zeichnen und bin dabei auf das Boxen gestossen. Zuvor hab ich eine Geschichte über einen Autorennfahrer gezeichnet und danach einen Western. Das Boxen passte da gut rein», gibt Mahler über seine Boxerstory in einem E-Mail zur Auskunft. Anregungen habe er sich bei einigen alten Boxerstreifen aus den 40er und 50er Jahren geholt, deren Stoff er u.a. darin verarbeitet habe. Mahler erwähnt dabei die beiden Filme «The Set-Up» - deutscher Titel: «Ring frei für Stoker Thompson» (1949) mit Robert Ryan in der Hauptrolle oder «Somebody Up There Likes Me» - «Die Hölle in mir» (1956) - mit Paul Newman in der Hauptrolle.



Selbst die Niederlage hat ihren Preis
Worum geht’s in der Geschichte? Die Titelfigur
«TNT» hat sich für einen Kampf kaufen lassen («besser schmutziges Geld als gar keines»). Viel Geld wurde auf seine Niederlage gesetzt; nun muss alles möglichst echt aussehen. Am Tag des Kampfes trifft er zufällig auf seine Ex-Freundin Vanessa. Sein ehemaliger Manager hatte ihn stets von Frauen ferngehalten («du musst deine animalische Energie konservieren – für den Ring»). Der Manager hatte vor langer Zeit erst noch «TNTs» Freundin Vanessa ausgespannt. Es gab darauf eine handfeste Auseinandersetzung, und ihre Wege trennten sich im Bösen.



Später kommt es beim Show-down so, wie es kommen muss:
«TNT» trifft auf seinen Gegner «Light out». Keine eigentliche Überraschung, denn die beiden standen sich mindestens schon 100 Mal gegenüber – wer dabei gewinnt, ist eigentlich längst uninteressant (umso erstaunlicher, dass jemand so viel Geld ausgibt, um «TNT» am Boden zu sehen...). Jedenfalls hadert «TNT» mit seinem Schicksal. Gebrochener Stolz, und ein wenig erinnert diese Szene an «Pulp Fiction» - wir erinnern uns:

An einem Tisch in einer verrauchten Kneipe sitzt Butch Coolidge (Bruce Willis), der als wettbetrügender Boxer ein niedliches Zubrot verdienen will. Gangsterboss Marsellus Wallace (Ving Rhames) investiert nämlich nicht nur in Drogen, sondern auch in Boxer. Schön für beide. Und so beschliessen sie, dass Butch in der fünften Runde zu Boden geht und nicht mehr aufsteht («in the fifth your ass goes down»). Eingefleischten Tarantino-Fans muss der Ausgang dieses Plots nicht mehr erzählt werden... nur gerade soviel - Butch hält herzlich wenig davon, als Verlier dazustehen, nimmt aber die Kohle trotzdem, was Marsellus Wallace ganz und gar nicht gefällt.



Reduziert, aber präzise
Mahlers Figuren tragen überdimensionierte Nasen auf kleinen Körpern, und damit erntet der Cartoonist mit dem unverkennbaren Strich laufend neue Auszeichnungen. In der Würdigung des im 2006 verliehenen Max-und-Moritz-Preises heisst es: «Die Figuren von Nicolas Mahler haben keine Augen, keine Ohren, keine Münder - aber sie haben zweifellos Charakter.»


Die Präzision, mit der Mahler meist ohne Worte erzählt und seine Figuren zeichnet, Stimmungen, Gefühle und Gedanken vermittelt, die Sicherheit mit der die Komik der Situation inszeniert, ist umso verblüffender, als dass er so einfach und minimal zeichnet, wie nur möglich. Virtuos führt er dem Betrachter vor, was mittels reduziert dargestellten Zeichnungen alles angestellt werden kann. Michael Heisch

Empfohlene Auswahl:
«TNT - Eine Boxerstory», Edition Brunft. «Flaschko – der Mann in der Heizdecke», Edition Moderne/Falter Verlag. «Kunsttheorie versus Frau Goldgruber», Reprodukt. Zu beziehen u.a. in Comic-Geschäften wie www.analph.ch.

Nicolas Mahler ist 1969 in Wien geboren, wo er heute noch lebt und arbeitet. Spätestens seit 2006 ist Mahler durch seine regelmässigen Veröffentlichungen im Satiremagazin Titanic bekannt geworden. Seit längerer Zeit zeichnet er für österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Mahler publizierte in den letzten Jahren über zwanzig Bücher, die vor allem in Frankreich, Kanada und den USA erschienen. Seine Flaschko-Comics wurden als Trickfilme adaptiert und liefen auf verschiedenen Kurzfilm-Festivals in Europa; der Comic
Mahler erhielt für sein Werk verschiedene Auszeichnungen, im 2006 den begehrten Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic und im 2007 den Deutschen Karikaturenpreis, «Geflügelter Bleistift». www.mahlermuseum.at







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