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Schichtarbeit und lange Schatten

Solar Plexus - von Michael Heisch, Präsident Box-Club Zürich





Schichtarbeit und lange Schatten

Der Zürcher Comic-Künstler Thomas Ott  (Bild unten) ist ein Meister seines Fachs. Seine Geschichten und Motive dringen tief in die psychischen Zustände des menschlichen Daseins - unter anderem auch in die eines Faustkämpfers.




Der Comic-Band «The Number» brachte es auf eine zweistellige Tausenderauflage und wurde fast weltweit vermarktet. Thomas Ott ist auf dem Gebiet der Comics längst ein international ausgezeichneter und gefeierter Star. Er gilt als der Meister der Schabkartontechnik schlechthin. Kaum jemand anders vermag mittels Kratzen, Sticheln und Schneiden dem schwarzen Schabkarton mehr zu entlocken, als der 44-jährige Künstler aus Zürich. Otts beklemmende «Schichtarbeit» bohrt tief in die Psyche der menschlichen Existenz - ohne viel Worte, denn diese wären nur unnötiges Beiwerk. Und so steht die unverwechselbare Bildsprache meist alleine für sich da.




Die stummen Szenarien sind düster grundiert, ein bitter-böser Humor ist allgegenwärtig und bringt Manches treffend auf den Punkt. Gekonnt jongliert Thomas Ott mit Versatzstücken aus der Trivialkunst, etwa dann, wenn er aus dem Rockmusiker-Leben zitiert oder beispielsweise Motive aus der Sakralkunst gleichberechtigt daneben platziert.

«The Champion» und mexikanisches Wrestling
Zwar interessiert sich Thomas Ott  für das Umfeld
um den Boxring, was ihm gewissermassen geeignete Stimmungsbilder für seine Arbeit liefert. Dennoch blieb «The Champion» bislang die einzige Bildergeschichte, die den Faustkampf thematisiert. Wie Ott in einem Interview erklärt, haben ihn vor allem Filme wie beispielsweise «Raging Bull» (mit Robert de Niro) oder «Die Faust im Gesicht» (Anthony Quinn) beeinflusst. Eine grössere Vorliebe pflegt der Comic-Zeichner allerdings für das Lucha Libre: «Die mexikanischen Wrestler sind für mich die letzten, wahren Helden», sagt er. Was nun nicht heissen will, dass er sich keine weiteren Geschichten aus dem Boxmilieu vorstellen könnte.

«The Champion» erschien 1990 bezeichnenderweise im Comic-Magazin «Boxer» (Ausgabe Nr. 2). Jene Zeitschrift für moderne Bildergeschichten ging leider nach nur wenigen Ausgaben ein, was für die «neunte Kunst» (nicht nur) auf dem deutschsprachigen Raum einen herben Verlust bedeutet. Auf nur wenigen 16 Panels, verteilt auf vier Seiten, schafft der Comic-Künstler ein dichtes Universum entlang des Seilgevierts. Detailgetreu sind die Schwerarbeit der beiden Kontrahenten festgehalten, Schweiss und Spannung liegen greifbar in der Luft.

Der Plot ist verblüffend einfach: Der «Champion» vertraut ganz auf seine Technik und Kondition und - auf seine schöne Freundin Sally, die das Kampfgeschehen in den Publikumsreihen mitverfolgt. Doch diesmal will es für den klaren Favoriten nicht laufen. Die Linke seines Gegners schickt ihn brutal auf die Bretter und damit schnurstracks auf den Boden der Realität. «Er gab mir den Rest. Alles wurde schwarz. Ich war ausgezählt.» Das Schlusspanel zeigt Sally, wie sie mit dem neu erkoren Champion frisch verliebt durch die Nacht zieht. Eine weitere bittere Realität für den nun Ex-Champion.

«
Mir gefällt diese Idee des langen Aufstiegs eines Boxers, dem durch einen plötzlichen Fehltritt der Abgrund droht», denkt Thomas Ott über seine Geschichte nach. Nebenbei sehe er das Boxen, wie vermutlich viele andere auch, als eine Metapher für den Alltag, im Sinne «kämpfend über die Runden kommen», «sich im Leben durchboxen» etc.

Der Held und die Femme fatale
Unter der dicksten Schicht lauern dunkle Dinge. Man muss nur an der Oberfläche kratzen. Dann fällt allmählich Licht in die verborgensten Winkeln. Dann sind sie da - all die Bosheiten, Hinterhalte und Täuschungen.

Thomas Otts künstlerischer Umgang mit dem Schabkarton, besonders sein Storytelling und der nicht unwesentliche Einfluss der Filmthemen aus den 1940ern kommt dem Erzählstoff der Gattung Film noir recht nahe. Jener Begriff wurde von den Filmkritikern nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt. Nach den Gräueltaten des Krieges fiel vielen Zuschauern der Glaube an ein unbekümmertes Leben relativ schwer – und an romantischen Komödien war kaum mehr zu denken.

Verlorene Helden nehmen von der Leinwand Besitz, deren Sichtweise auf die Welt meist pessimistische, zynische oder nihilistische Züge tragen. Als Folge treten Themen auf wie Angst vor dem Tagtäglichen, Flucht aus dem Realen, Irren durch die Nacht, die nicht zu Ende geht. Die Beleuchtung wirft lange Schatten, es herrscht eine klaustrophobische Stimmung; der Film noir wird ganz allgemein zur Genre der Grossstadt als unausweichliches Labyrinth und als Ort der Entfrem-dung.

Spannend gestaltet sich der weibliche Part: Die Hauptdarstellerin ist nicht mehr länger die brave Frau an der Seite des starken Mannes, auch geht es längst nicht mehr um Liebe und Leidenschaft. Die verführerische Frau offenbart sich meist als Femme fatale; sie ist kühl kalkulierend und hat es faustdick hinter den Ohren. Die Femme fatale ist ein selten fassbares Spinnenwesen und setzt die Männer geschickt nach Gutdünken ein und stiftet ganz nebenbei auch mal zum Mord an. Die Männer sind von ihr entzückt, hingerissen, betört und nehmen permanent in Kauf, dass im nächsten Augenblick ihr gesamtes Leben in Stücken zerfällt. Manch ein hartgesottener Held würde für sie lügen, betrügen oder töten. Oder in den Ring steigen und für sie kämpfen, wie der
«Champion», der den Titel erneut für seine Sally gewinnen will.

Delila und Samson
«Und sie liess ihn einschlafen in ihrem Schoss und rief einen, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschnitt. Und sie fing an, ihn zu bezwingen – da war seine Kraft von ihm gewichen. Und sie sprach zu ihm: Philister über dir, Samson!» «The Champion» führt uns vielleicht noch auf eine andere Interpretationsspur, weshalb wir kurz in der biblischen Geschichte, genauer im Buch der Richter des Alten Testaments nachschlagen.

Der übermächtige Samson ist ein Auserwählter Gottes und Führer des von den Philistern unterdrückten Volkes Israel. Sein Haupthaar ist ellenlang und verleiht ihm übermenschliche Kräfte. Einzig die Liebe lässt ihn schwach werden. Er verliebt sich in die wunderschöne Delila und entbrennt in glühender Leidenschaft zu ihr. Doch er ahnt nicht, dass die verführerische Schönheit eine Spionin im Dienste des Königs der Philister ist. Als er ihr blind von der Liebe das Geheimnis seiner Kräfte verrät, zögert sie nicht lange, und alsbald schreitet sie zur Tat...

Der
«Champion» trägt natürlich kein langes Haupthaar mit sieben Zöpfen. Zeichner Ott hat genau recherchiert und musste sich wohl auch nicht den Rat des Ehren-Präsidenten des Box Clubs Zürich einholen: «Ein richtiger Boxer trägt kurze Haare», Gusti Strobl, zitiert während eines Wochenendtrainings in Filzbach, wo er einen jungen Boxer anhielt, endlich einen Coiffeur aufzusuchen (und wer Gusti nur annähernd kennt, weiss, dass dies nicht mit kreideweicher Stimme erfolgte).

Es ist diese dunkle Vorahnung, die den aufmerksamen Comic-Leser umschleicht, wenn er im zweiten Panel Sallys kühl-hypnotischer Blick liest. Ihr Mund ist zu einem grashalmfeinen Lächeln geformt. Denn sie alleine kennt die geheime Kraftquelle des
«Champions»: Nur ihre eigene Person nämlich verleiht dem Faustkämpfer diese einmalige Kraft und Stärke. Einem ferngesteuerten Spielzeug gleich hat sie ihren Helden bisher siegreich von Kampf zu Kampf geleitet. An diesem Abend jedoch weiht sie ihn dem verderbnisreichen Untergang. Um sich einem neuen Champion als Spielgefährten anzunehmen, dem später das gleiche Schicksal widerfahren wird? Nebst seinem hoch präzisen Handwerk sind es ebensolche markanten und in der Story gut eingesetzten Schlüsselbilder, welche Thomas Ott kunstvoll beherrscht und seinen unnachahmlichen Stil ausmachen.

(Selbst-)Zerstörung
Die Regisseurin Barbara Liebster schreibt in einem Vorwort zu Otts Publikation «Unplugged» aus dem Jahr 2009: «Die Kunst ist das Medium, mit dem Thomas Ott die Angst vor dem Tod und den Herzschmerz verarbeitet. Und gleichzeitig nährt sich seine Kunst aus den Abgründen, die Tod und Liebe auftun. Die Zerstörung und Selbstzerstörung ist es, die den Künstler am meisten inspiriert.» Michael Heisch

Biografische Kurzangaben
Von 1998 bis 2001 studierte Thomas Ott Film an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, war Sänger der legendären Gruppe «The Playboys» und spielt aktuell bei der Rockband «Beelzebub».

Homepage: http://www.tott.ch

Empfehlenswerte Comic von Thomas Ott
«Cinema Panopticum», Edition Moderne 2005, Zürich.
«The Number», Edition Moderne 2008, Zürich.

«Boxer – Moderne Bildergeschichten», vergriffen, jedoch zu beziehen unter: http://shop.packwahn.de/
Bildnachweis
Seiten aus der Geschichte «The Champion», erschienen in «Cinema Panopticum», © Edition Moderne 2005, Zürich, sowie Illustrationen aus «t.o.t.t.», © Edition Moderne 2002, Zürich.

Empfehlenswerte Noir-Filme (nicht nur) für Boxer

Rächer der Unterwelt (The Killers), USA, 1946
Eines Tages wird der Tankwart Pete Lunn - von allen nur «Der Schwede» genannt –ermordet. Das Ganze sieht ganz nach einer Hinrichtung im Gangstermilieu aus. Der auf diesen Fall angesetzte Versicherungs-detektiv James Reardon versucht, den mysteriösen Mord aufzulösen. Nach und nach deckt er die tragische Lebensgeschichte des Tankwarts auf.

Was ans Licht kommt: Lunn war in Wirklichkeit ein Ex-Boxer namens Ole Anderson. Ausserdem war er in kriminelle Machenschaften verwickelt. Doch auch die verführerische Kitty, für die Anderson einst aus blinder Liebe einen Überfall beging, tritt auf den Plan. Als Anderson klar wird, dass Femme fatale Kitty und Gangsterboss Colfax ihn hintergangen haben, verschwindet er mitsamt der Beute. Bald holt ihn seine Vergangenheit ein... Ein packender Noir-Klassiker aus den 40er Jahren; Regie: Robert Siodmak, u.a. mit Burt Lancaster als Ole, der Schwede und Ava Gardner als Kitty Collins.

Wenn es Nacht wird in Paris (Touchez pas au Grisbi), Frankreich/Italien, 1953

Noch einen letzten Coup, dann ist Schluss: Max
(Jean Gabin) und Riton (René Dary) können auf eine langjährige und erlebnisreiche Karriere als Gangster zurückblicken. Allmählich macht sie dieses turbulente Leben aber müde. Nach einem 50 Millionen Goldüberfall wollen sie sich ein für alle mal aus dem Geschäft zurückziehen... Mit von der Partie: Lino Ventura als Drogenhändler Angelo.

Bevor Lino Ventura als Charakterkopf 1953 erstmals und ohne vorherige Schauspielerfahrung auf der Leinwand flimmerte, war der stämmige Italiener Buchhalter, Vertreter und man staune, Catcher und Europameister im Ringen (Mittelgewicht, griechisch-römisch).

Betrachten wir Venturas ausgeprägte Gesichtszüge etwas näher, kommt uns Schweizer Box-Aficionados unweigerlich eine andere Person in den Sinn: Silvano Antenore, der geschätzte Trainer des Box Clubs Uster. Eineiige Zwillinge, nach der Geburt getrennt? Wir werden bei der nächsten Gelegenheit bei Silvano nachfragen!

Weniger
«noir», wenngleich ein Hingucker
Die Faust im Nacken (Requiem For A Heavyweight), USA, 1962
«Ring, ring goes the bell», frei nach einem Chuck Berry Song - für den Schwergewichtler Mountain Rivera (Anthony Quinn) hat die Ringglocke vor 17 Jahren das letzte Mal geläutet... Sollte er nochmals in den Ring steigen, hätte dies schwere, gesundheitliche Folgen für ihn. Das meint jedenfalls der Arzt. Notgedrungen schaut sich Rivera nach einem neuen Job um, macht aber die Rechnung mit seinem Manager nicht. Denn dieser wird von der Mafia wegen seiner hohen Wettschulden unter Druck gesetzt. Der Manager zwingt Mountain Rivera zu einer erniedrigenden Karriere als Showcatcher. Boxfans, Augen auf! Muhammad Ali (als Cassius Clay im Abspann aufgeführt) ist in der Eröffnungssequenz zu sehen, und Jack Dempsey schleicht sich heimlich in eine Nachtclubszene ein.
 

 




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