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Wenig boxerische Inspiration, Stimmung wie gewohnt perfekt


Julien Calvete (Esquive BC Genève,r.) attackiert Daniel Egbide (BC Jonction Genève)

Bericht von Gérald Kurth

10.10.2010 - Das begeisterungsfähige Publikum durfte im Palladium einmal mehr eine gelungene Ouvertüre in eine lange Ausgehnacht am Ufer des Lac Léman erleben. Die Ambiance des vom agilen Promotor Erdal Kiran (Esquive BC de Genève) gewohnt straff organisierten Meetings wurde auch dadurch nicht getrübt, dass die sportliche Qualität zeitweilig unterdurchschnittlich war und zudem kein Profikampf angesetzt war. Kiran heizte stattdessen das junge Publikum mit ansprechend choreographierten Breakdance-Pauseneinlagen an oder punktete mit einer Thai-Box-Demonstration, bei der ein neunjähriges Mädchen mit leichtfüssiger Eleganz und Schnellkraft begeisterte. Auch wenn das boxerische Kerngeschäft diesmal etwas litt: Kiran hat zugkräftige Sponsoren ins Boot geholt und mit ihnen ein tragfähiges Veranstaltungskonzept auf die Beine gestellt, wo auch das für Glamour und Show weniger empfängliche Sportpublikum regelmässig auf seine Rechnung kommt.
 
 
Die Amateur-, Junioren- und Kadettenkämpfe in der Übersicht
 
Kadetten, Halbwelter (bis 64 kg):
 
Joseph Abate (BC Octodure) vs. Smail Burim (BC Nyon)
Abate vom BC Octodure aus Martigny ging den Kampf weniger ungestüm an als sein Gegner und punktete sofort fleissig mit dem Jab. Der schlaksig wirkende Abate hat seine Deckungsarbeit sichtlich verbessert und nützte seine grössere Reichweite fleissig aus. Allerdings wird er gegen überlegter vorgehende und wendige Gegner auch mal Treffer am Körper setzen müssen. Sonst werden seine lange Hände, die durchaus hart geschlagen werden, nicht ausreichen. Diesmal allerdings stand sein Sieg nie in Gefahr: Der Kampf wurde mit 2:1 Richterstimmen für Abate gewertet.
 
 
Amateure, Leichtgewicht (60 kg)
 
Alberto Capote (Esquive BC Genève) vs. Antonyo Bolis (BC Jonction Genève)
In diesem Kampf standen sich zwei Debütanten gegenüber, wobei das eher beim einheimischen Capote auffiel: Er marschierte ungestüm nach vorne und lud Bolis dazu ein, ihn mit langen Händen aus der Rückwärtsbewegung abzukontern. Allerdings kam in der zweiten Runde Spannung auf, als Bolis plötzlich am Boden lag. Capote konnte allerdings nicht entscheidend nachsetzen und verpuffte seine Kraft mit Schwingern, die fast ausnahmslos ins Leere gingen. Gegen Ende wurde dann auch seine Deckung löchrig, weshalb die Wertung in Ordnung war (3:0 für Bolis).
 
Pham Dattai (BC Nyon) vs. Oleksij Storošuk (Nancy, FR)
Der alles in allem attraktivste Kampf des Abends: Dattai bekam es mit einem französischen Gegner zu tun, der für seine Kategorie enorm hart schlug und aggressiv punktete. In der ersten Runde sah es gar nach einem vorzeitigen Kampfende aus, weil sich der eigentlich wendige Dattai dem Schlaghagel von Storošuk nicht immer entziehen konnte und angeschlagen war. In Runde zwei gestaltete er aber den Kampf überraschend ausgeglichen. Er hatte sich sichtlich besser auf den Gegner eingestellt und arbeitete konsequent mit Haken zum Körper des Gegners. Beide Kämpfer gingen ein überdurchschnittliches Tempo, wobei der Franzose seine Pausenintervalle klug gestaltete und so bis zum Schluss noch attackieren konnte. Der leidenschaftlich ausgetragene Kampf zweier harter, aber fairer Kämpfer endete mit einem verdienten Sieg für Storošuk (2 x Storošuk, 1 x unentschieden).
 
Gabriel Viltre Diaz (Swiss Boxing Team) vs. Hamdi Afif (Nancy FR)
Der in Winterthur boxende Diaz, die Hoffnung des Swiss Boxing Teams, kam im gesamten Kampfverlauf leider nie auf sein gewohntes Rendement. Den Kampf begann er, wie es charakteristisch für ihn ist, in der abwartenden Defensive. Da auch sein Gegner zu Beginn das gegenseitige Belauern und Abtasten mitmachte, hatten die Punktrichter ihre liebe Mühe damit, überhaupt Punkte zu zählen. Spätestens ab Runde zwei wurde dann aber deutlich, dass Diaz an diesem Abend kein Mittel fand, um an Afif zu kommen. Der schlug mehr und schaffte es gleichzeitig oft, Diaz durch Körpertäuschungen auf Distanz zu halten. Als Diaz in der letzten Runde alles auf eine Karte setzen musste und die Runde eigentlich auf sicher hatte, kam es, wie es kommen musste: Nach einem Konter musste Diaz zu Boden und damit auch seine Hoffnungen begraben. An der Wertung von 3:0 für Afif gab es nichts zu rütteln.
 
 
Amateure, Halbwelter ( 61 kg)
 
Julien Calvete (Esquive BC Genève) vs. Daniel Egbide (BC Jonction Genève)
Lokalmatador Julien Calvete konnte auf die gewohnte Unterstützung aus dem Publikum zählen. Dennoch legte er bedächtiger als gewöhnlich los und wurde von seinem athletischen und explosiven Gegner sofort getroffen. Was zu Beginn wie eine Taktik des Abwartens daherkam, erwies sich mit zunehmendem Kampfverlauf als Konzeptlosigkeit. Statt mit kurzen Händen staccato am Körper des Gegners zu arbeiten, versuchte es der kleinere Calvete mit Schwingern über die Aussenbahn. So machte er es Egbide leicht, ihn regelmässig auszukontern. Um seine Reichweitennachteile auszugleichen, schlug Calvete zudem oft mit der Innenhand. Es war erstaunlich, mit welcher Konsequenz er es mit der Brechstange versuchte, statt seine offensichtlichen Vorteile in der Halbdistanz auszuspielen. Am Ende konnte das logische Resultat deshalb nur lauten: 3:0 für Egbide.
 
 

 Stephan Bernhard beobachtet Steve Castella (l.) und Mohammed Lachira

Sorgten für Pausenunterhaltung: Breakdancer. "Hahn im Korb": Erdal Kiran
 
Weltergewicht (bis 69 kg):
 
Jeton Morina (BC Nyon) vs. Vaton Zyberi (BC Montreux)
Hier standen sich zwei Boxer gegenüber, die sich gut kennen und unterschiedlicher nicht sein könnten: Aus der roten Ecke kämpfte der athletische, hart schlagende Morina, der gerne und oft nach vorne marschiert. Zyberi hingegen arbeitete aus der gewohnt kontrollierten Defensive und stach regelmässig mit blitzschnellen Kontern zu. Dabei bewies er erstaunliche Übersicht: Es war beeindruckend, wie der junge Mann aus Montreux seine Attacken vorbereitete und jeweils unterschiedlich anging. Das spricht für die konsequente Umsetzung einer strategischen Marschroute. Allerdings machte ihm Morina die Umsetzung seines Kampfkonzepts auch leicht, da er oft ungestüm vorging und zu viel Kraft in die Schläge legte. Als ihm am Ende die Kraft ausging, beugte er sich auch noch mehrfach nach vorne, um sich so den präzischen Schlägen Zyberis zu entziehen. Fazit: Ein verdienter, wenn auch nicht ganz nachvollziehbar knapper Sieg für den klug und variabel auftretenden Zyberi (2:1).
 
Mittelgewicht (75 kg):
 
Steve Castella (Swiss Boxing Team) vs. Mohammed Lachira (Nancy, FR)
Steve Castella ist definitiv ein Mann mit zwei boxerischen Gesichtern. Beleg dafür ist auch sein Kamprekord, wo sich Siege und Niederlagen fast mathematisch genau die Waage halten (14:12). An diesem Abend in Genf zeigte er sich wieder einmal von seiner (fast) besten Seite, obwohl die Limiten seines französischen Gegners offensichtlich waren. Castella bewegte sich gut, war leichtfüssig unterwegs und brachte schnell seine knackigen Rechten ins Ziel. Und er liess nichts anbrennen: Schon gegen Ende der zweiten Runde machte er dem Kampf ein vorzeitiges Ende, als er seinen Gegner mit einem gepflegten Leberhaken ausknockte.
Bei diesem Kampfverlauf fiel kaum auf, dass Castella seine Deckung von Anfang an vorsätzlich hängen liess. Gegen schnellere und präziser schlagende Gegner wird er kaum wieder so auftreten dürfen.
 
 
Halbschwergewicht (91 kg)
 
Nizer Pacarizi (Esquive BC Genève) vs. Damien Kopp (Nancy, FR)
Der sportliche Tiefpunkt des Abends, der von Ringrichter Beat Hausammann zurecht durch eine Disqualifikation des einheimischen Pacarizi frühzeitig beendet wurde. Gegenüber standen sich ein sichtlich nicht austrainierter Gast aus Frankreich sowie ein einheimischer Partner, der sich offensichtlich weigerte zu boxen. Da passte gar nichts: Geschlagen wurde oft und gerne mit der Innenhand, die Köpfe hingen entweder zu tief oder es wurde – vor allem von Pacarizi – geklammert. Stellenweise erinnerte die Darbietung an zwei Tanzbären, die sich mal gegenseitig stützen, mal umklammern. Sieger in diesem konkurrenzlosen Trauerspiel war Pacarizi: Er öffnete seine Doppeldeckung jeweils fast nur nach dem Gong, um Pause zu machen. Der Kampf war ein einziges Ärgernis, das nach der vierten Verwarnung an Pacarizi zur allgemeinen Erleichterung eine Ende fand.


Resultatübersicht

 

 

 

Fotos von Marina Cavazza, Tribune de Genève



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