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Pit Bull, der Boxer

19.10.2010 - Im „Prisma“, einem Magazin der Studierenden der Universität St. Gallen, erschien kürzlich ein Aufsatz über die faszinierende "Fight-Night" vom 18. September in Gebenstorf. Die Betrachtungen von Gabriel Schmid möchte ich den Besuchern von swissboxing.ch nicht vorenthalten. Jack Schmidli



Die Leuchtziffern auf dem Armaturenbrett zeigen 19.33 Uhr, der Wagen rollt durch das verschlafene Gebenstorf im Kanton Aargau. Noch deutet nichts auf das hochkarätige Box-Ereignis hin, welches hier bald stattfinden wird. Erst rund um die Turnhalle fallen die vielen Autos auf, welche überall am Strassenrand stehen, mit Kennzeichen aus der halben Schweiz. Es ist soweit: Die Fight Night kann beginnen.

Am Eingang der Turnhalle ist schon einiges los, richtig Stimmung jedoch herrscht in der Halle drin: Die Fenster sind abgedunkelt, das Licht ist schummrig. Im hinteren Bereich thront in der Mitte des Raumes der Ring, ehrfurchtgebietend und etwas erhöht. Im vorderen Bereich der länglichen Halle stehen grob gezimmerte Stühle und Bänke, an welchen die Zuschauer ihre Bratwürste essen. Die Atmosphäre ist packend, man fühlt sich wie an einem illegalen Boxkampf in einer Scheune am Klondike, wo sich zwei erfolglose Goldschürfer für ein paar Dollar verdreschen. Dazu passt auch die eigene Währung, mit welcher an den Ständen bezahlt wird: die Boxing-Dollars.
Die ersten Kämpfe beginnen: Unter dem Jubel der Zuschauer besteigen jeweils zwei Amateure den Ring, meist einer aus der lokalen Boxschule und einer aus einer anderen Ecke der Schweiz. Bald geht es los, und bereits beim zweiten Amateur-Kampf spritzt Blut aus der Nase des einen Boxers. Es wird nicht das letzte Mal bleiben an diesem Abend. Der Boxer wischt das Blut an einem Tuch ab und kämpft verbissen weiter, schliesslich steht seine Ehre auf dem Spiel.
Der Ablauf der Kämpfe ist professionell: Sobald der Gong das Ende einer Runde ankündigt, wird in zwei Ecken des Rings je ein Schemel durch die Seile hineingereicht, und die Boxer setzen sich. Sofort steigen ihre Betreuer in den Ring, und die Boxer werden verarztet, mit kühlem Wasser besprüht und mit guten Ratschlägen für die nächste Runde eingedeckt. Auch die Ringrichter haben einen Anteil an dieser Professionalität: Sie sind bis auf eine schwarze Fliege ausschliesslich in weiss gekleidet, und setzen mit ihrer Autorität die Regeln des Kampfes durch. Die Zuschauermenge feuert die Boxer an, meist hat jeder Boxer seinen Fanclub aus der heimischen Boxschule dabei. Trotzdem herrscht auch immer wieder annähernd Stille, die Spannung im Raum ist dann fast greifbar. Diese wechselnden Phasen lassen sich am besten mit der Stimmung bei einem Tennismatch vergleichen, wo die Zuschauer ihr Idol mal lautstark anfeuern, mal gespannt und in Stille den Kampf zwischen den beiden Sportlern verfolgen.
Schweiz vs. Grossbritannien
Der zweite Teil der Veranstaltung beginnt: Die Schweiz tritt gegen Grossbritannien an. Es finden fünf Kämpfe in fünf Gewichtsklassen mit der Spanne von 60 bis 91 Kilogramm statt. Die Briten, alles Mitglieder des legendären Poole Amateur Boxing Club aus Bournemouth, kämpfen zu Beginn oft sehr offensiv. Die Schweizer agieren meist defensiver. Dies zahlt sich nach den Anfangsrunden aus, oft können die Schweizer gegen Ende des Kampfes in die Offensive gehen, da sie noch mehr Reserven haben. Diese Beobachtung bezüglich der Kampfweise der Briten deckt sich mit dem sogenannt „englischen Boxstil“: Der Boxer kämpft bei diesem Stil mit mehr Bewegung und Agilität, die Beinarbeit spielt eine entscheidende Rolle.
Als der letzte Kampf zwischen der Schweiz und Grossbritannien – der Hauptkampf dieser Phase – angekündigt wird, kocht die Stimmung in der Halle: Für die Schweiz tritt Egzon Maliqaj an, welcher in der Boxschule Gebenstorf trainiert und von den Zuschauern mit grosser Begeisterung empfangen wird. Sein Gegner Michael Diffey macht es ihm nicht einfach, trotzdem kämpft Maliqaj stark und siegt schliesslich überlegen. Das Publikum ist begeistert: Nach dem Ende der Kämpfe Schweiz-Grossbritannien lautet die Bilanz 4:1 für die Schweiz! Zwar haben sich die Briten wacker geschlagen, doch scheinen sie insgesamt etwas ausser Form zu sein. Den Mitgliedern des Poole Amateur Boxing Club stand für die Vorbereitung dieser Kämpfe eine Trainingsphase von lediglich sechs Wochen zur Verfügung.
Nach einer kurzen Pause füllt sich die Halle bereits wieder mit Zuschauern. Auch das Fernseh-Team des Schweizer Fernsehens bringt sich nun in Stellung. Die Spannung steigt, und der Höhepunkt des Abends rückt näher: Der Profikampf zwischen der Nummer Sechs im europäischen Mittelgewicht, Yves Studer, und dem Wahl-Spanier Vasile Surcica. Für den 28-jährigen Studer ist dieser Kampf der letzte grosse Auftritt vor dem Kampf um den Titel des Gesamt-Europameisters.
Studer trägt den Kampfnamen „Pit Bull“, und genau so kämpft er auch: Er verbeisst sich regelrecht in seinen Gegner (nicht im wörtlichen Sinn, schliesslich ist er nicht Mike Tyson). Gegenüber dem Spanier kämpft Studer viel kompakter und wirkt besser trainiert, der schlaksige Spanier kann bei seinem Gegner selten richtige Treffer landen. Trotzdem lässt er sich nicht kleinkriegen, er bleibt agil und weicht flink so manchem von Studers harten Schlägen aus. Für Studer ist er ein anspruchsvoller, weil wenig greifbarer und unkonventionell boxender Gegner. Im Fachjargon sagt man über einen solchen Gegner, dass er nicht einfach zu boxen sei. Trotzdem behält Studer im Kampf stets die Oberhand. Zwar gelingt ihm kein Knockout seines Gegners, doch gewinnt er schliesslich verdient per Jury-Entscheid.
Nach dem Profikampf bleibt die Frage, wer die Person Yves Studer ist. Natürlich kann man die bekannten Fakten rezitieren: Geboren in Fribourg, dann ab dem Alter von acht Jahren im Aargau zu Hause, wo er in der Boxschule Gebenstorf seine Kampftechnik von Grund auf erlernte. Heute ist Studer Wahl-Berner. Diese Fakten liefern allerdings nur ein unvollständiges Bild. Dem Schweizer Fernsehen gelingt im Beitrag der Sendung Sportpanorama, diese Lücke zu schliessen, und Studer als Menschen hinter dem harten Boxer zu zeigen: Als solcher leidet Studer darunter, dass er kurz vor dem Kampf seine geliebte Hündin Ganja einschläfern lassen musste. Er wirkt traurig und etwas verloren, und spricht von einer seelischen Narbe in seinem Herz, welche die Wunden des Boxkampfes lange überdauern wird. Aus Studers Augen spricht in diesem Moment Schmerz.
Auch die Aggression als wichtiger Bestandteil eines Boxkampfes wird im Beitrag thematisiert: Studer führt aus, dass er seine ganze Energie und Wut kanalisiert, und als geballte Ladung mit in den Kampf nimmt. Er spricht davon, dass er vor einem Kampf nur den Sieg vor Augen hat, und seinen Gegner im wahrsten Sinne des Wortes schlagen will. Der Gegner ist in jenem Augenblick kein Kollege mehr, nicht einmal mehr ein Mensch, sondern ein Feind, ein Übel, dass es zu vernichten gilt.
Beachtet man diese Rhetorik, so ist es beeindruckend, wie fair die Studer und auch die anderen Boxer kämpfen: Sie scheinen einen starken Ehrenkodex zu besitzen, und bemühen sich, die geltenden Regeln und Verbote einzuhalten. Es ist ein Kampfsport, kein Zweifel, aber die Aggression wird kontrolliert, und der Rahmen ist die Fairness und der Sportsgeist, und keine Barbarei.
 
 



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