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Flavio Turelli holt sich in Montreux den Titel im Halbmittelgewicht der Profis

 

Bericht von Ueli E. Adam

14.11.2010 - Mit einem sehr gut besetzten Meeting im glamourösen Casino von Montreux hat Promoter Jean-Jacques Ramelet (Noble Art Production) den Boxsport an der Waadtländer Riviera einmal mehr erfolgreich positioniert. Mit dem Titelkampf im Halbmittelgewicht der Profis wurde ein Zeichen gesetzt, das für den schweizerischen Berufsboxsport von grösster Bedeutung ist.
 
Nachdem Titelkämpfe im Profiboxen seit einiger Zeit nicht mehr auf der Agenda standen und nur noch wenige die ehemaligen Schweizermeister kennen (den letzten Titel holte sich der aktuelle Schweizermeister im Bantamgewicht, Benjamin Pitteloud, Bex) ist dies ein Aufbruch in die richtige Richtung. Immer häufiger wechseln erfolgreiche Amateure in den publikumswirksamen Profisport, in dem zwar nicht viel Geld, aber immerhin Publizität zu holen ist. So bieten sich in verschiedenen Gewichtsklassen spannende Kämpfe an, die das Publikum und die Anhänger beider Lager kassenwirksam (und hoffentlich medienwirksam) mobilisieren können.
 
Flavio Turelli (Montreux, 63 kg, 9-3-2) vs. Disarjot Gashi (Brissago, 63 kg, 8-01) 
Turelli (Bild oben rechts) und Gashi haben im vergangenen Februar bewiesen, dass das Profiboxen mit rein schweizerischen Paarungen für erstklassigen Spektakel sorgen kann. Nach einem hochstehenden, auf Biegen und Brechen geführten Kampf trennten sich die beiden Titelaspiranten damals unentschieden und es war klar, dass ein Rematch angesetzt werden würde. Mit einem überzeugenden Sieg entschied am Samstag Flavio Turelli in Montreux den Titelkampf für sich. Er besiegte den vor dem Kampf leicht favorisierten Disarjot Gashi (8-0-1, 7 KO-Siege) in einem hochstehenden Fight über zehn Runden klar nach Punkten. Zwar schien es in der zweiten Hälfte des Kampfes, dass Konditionsschwierigkeiten Turelli bremsen könnten und die technisch versierteren Fans sahen den letzten Runden leicht besorgt entgegen. Gashi fand aber nie das richtige Rezept, um gegen den schnellen Mann aus Montreux seine verheerende Schlagkraft ins Spiel bringen zu können. Turelli dominierte den Kampf bis am Schluss souverän und holte den Meistergürtel mit erstklassigem Boxen in die Westschweiz. Fabian Guggenheim 96:92; Domenico Gottardi 95:93, Claudine Pascale 100:88

 
Mohamed Belkacem (Boxing Kings Bern, 80 kg) vs. Abdelkader Benzinia (F, 80 kg 12-12-0)
Der Star der Boxing Kings Bern gehört zu den besten und profiliertesten Profis der Schweiz. Belkacem (Bild oben links), der seine Ambitionen nach einem Titel trotz seiner Niederlage in einem EE-EU-Kampf gegen den Titelverteidiger Aripadziheu (Weissrussland) nicht aus den Augen verloren hat, bewies mit einem Sieg über einen sehr guten Gegner, dass weiterhin mit ihm auf höchster Ebene zu rechnen ist. Abdelkader Benzinia zeigte indessen auf, dass man auch mit einem durchzogenen Palmarès jederzeit gut boxen kann. Die Aufgabe war für Belkacem keineswegs ein Spaziergang. Obschon er – entgegen seinem üblichen Kampfaufbau – bereits ab der ersten Runde mächtig Druck machte, wusste sich sein Gegner vorerst gut aus der Affäre zu ziehen. Benzinia legte ab der dritten Runde sogar zu, ohne allerdings Belkacem in echte Schwierigkeiten bringen zu können. Der eindeutige Punktsieg ist in dieser Höhe absolut verdient, lässt aber die Leistung des Gegners geringer erscheinen, als sie aufgrund knapper Rundenverdikte tatsächlich war. Beat Hausammann 59:55; Domenico Gottardi  60:54, Claudine Pascale 59:55

 
Ivo Andelic (Trimmis, 110 kg, 4-0-1) vs, Liviu Ungureanu (Rumänien, 97 kg, 1-6-0)
Interessant war der Auftritt des Hünen aus Trimmis. Ivo Andelic (Bild oben links), (bemerkenswertes Detail, sehr sympathisch: Schweizerkreuz auf der Hose!) der wie alle Schwergewichtler in der Schweiz eigentlich zu wenig kämpfen kann, wollte beweisen, dass mit ihm zu rechnen ist. Das ist ihm durchaus gelungen. Der Rumäne Liviu Ungureanu war aber weit besser, als dies sein Palmarès vermuten liess und für den Bündner ein echter Prüfstein. Er spielte sein geringeres Gewicht hervorragend aus, duckte die Schläge geschickt ab und kam mit schnellen Händen zu Treffern, die Andelic zwar nicht gefährdeten, aber den Marsch des Bündners zu einem möglichen KO-Sieg Runde für Runde vereitelten. Wenn Andelic seine Deckung verbessern kann und die wuchtigen Schläge gezielter einsetzt, dürfen wir uns schon auf eine Schweizermeisterschaft im Schwergewicht freuen. Wer kommt wohl als Gegner in Frage? Fabian Guggenheim 58/57; Domenico Gottardi 59:55; Claudine Pascale 59:55

 
Olivia Boudouma (Givisiez, 60kg, 3-0-0) vs. Borislava Goranova (Bulgarien, 60 kg, 4-29-1)
Das Schöne an Olivia Boudouma (Bild oben links) ist, dass sie nicht nur eine hübsche Boxerin ist, sondern auch eine Boxerin, die von Kampf zu Kampf besser wird. Mit einem klaren Punktsieg über die Bulgarin Borislava Goranova hat sie dies eindeutig unter Beweis gestellt. Goranova hat eine enorme Kampferfahrung, kann einstecken und hart zuschlagen. Das wusste Boudouma und hielt die Bulgarin deshalb geschickt auf Distanz. Was ihr vielleicht noch fehlt, ist das Distanzgefühl bei langen Geraden, die sie zwar wie im Lehrbuch schlägt, die aber das Ziel nicht immer wunschgemäss erreichen. Beeindruckend sind auch Siegwillen und Einsteckvermögen der Fribourgerin, die sich auch bei Gegenattacken nicht aus dem Konzept bringen lässt. Ein verdienter Sieg, der zuversichtlich stimmt. Beat Hausammann 60:54; Domenico Gottardi 60:54; Claudine Pascale 60:55

 
Cédric Kassongo (Montreux, 66 kg, 3-0-2) vs. Marius Racaru (Rumänien, 64 kg, 0-17-4)
Cédric Kassongo (Bild oben rechts) ist schwer einzuschätzen. Viele sehen in ihm ein Talent, aber in seinen bisherigen Kämpfen konnte er trotz gutem Palmarès nicht alle Experten überzeugen. Gegen den sieglosen Journeyman aus Rumänen sah dies nicht anders aus. Zwar dominierte er MariusRacaru Runde um Runde und schickte diesen in der vierten Runde erstmals mit einem Körperhaken zu Boden, aber trotz schnellen Händen und erstklassiger Physis lässt der Genfer oft Überblick und Präzision vermissen. Aber wie wenn er die Kritik geahnt hätte, schlug er in der fünften Runde sehr präzis zu: Mit einem genau platzierten Leberhaken sorgte er für das vorzeitige Aus. Sieger durch TKO: Cédric Kassongo.
 
Kommentar:
Geschicktes Matchmaking zahlt sich aus. Die Crew um J. J. Ramelet hat es in Zusammenarbeit mit dem Casino Barrière Montreux verstanden, den grossen Saal mit einem begeisterten Publikum zu füllen. Dass dazu auch die geschickt gestaffelten Eintrittspreise zum Erfolg beigetragen haben mögen, sei nur am Rande erwähnt. Besonders erfreulich ist auch, dass eine wirklich attraktive Affiche geboten wurde. Mit einem Kampf um einen schweizerischen Titel ist nicht nur für Spannung gesorgt. Wenn die Nationalhymne ertönt und anschliessend Peter Stucki dem Sieger einen Gürtel (mit echtem, wenn auch bescheidenen Gewicht) umschnallen darf, so ist das für die Boxfreunde eine tolle Sache.
 



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