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Schwerer K.O. für Ruby in Baden

 

Bericht von Gérald Kurth (Text) und Susanna Batavia (Fotos)

05.06.2011 - Eigentlich hätte alles gestimmt bei der Planung für Roberto „Ruby“ Belge: Im November war er im Kampf um den EBU-Weltertitel gegen Matthew Hatton in England nach einem Leberhaken K.O. gegangen. Im April hatte der von Swissboxing-Sportmanager Federico Beresini gecoachte Tessiner mit einem klaren Sieg bewiesen, dass er sich wieder für einen Titelkampf ins Gespräch bringen wollte. In Baden bekam Belge nun einen weiteren Aufbaugegner aus Weissrussland vorgesetzt, der mit einer negativen Kampfbilanz (7-8-1) angereist war. Doch Dzmitri Tarenka hielt sich nicht ans Drehbuch und belegte damit, dass sich vermeintliche Journeymen aus dem schier unerschöpflichen Reservoir von Kämpfern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken jederzeit als brandgefährlich erweisen können...

Nach zwei Minuten gegenseitiger Beschnupperung fuhr Tarenka urplötzlich eine Rechte aus, die immer länger wurde und Ruby in der Rückwärtsbewegung genau an der Schläfe traf. Der Tessiner rappelte sich zwar wieder auf, taumelte jedoch sichtlich benommen durch den Ring. Als Ringrichter Beat Hausammann nach grosszügig ausgedehntem Anzählen den Kampf wieder freigab, wurde Ruby von Tarenka am Seil in der Ringecke mit vier präzise geschlagenen Fäusten zu Körper und Kopf ausgeknockt. Der Tessiner lag schwer getroffen am Boden, und die erste Runde war noch nicht zu Ende... 

Das Publikum in der gut gefüllten Sporthalle Aue in Baden war einigermassen sprachlos, hatte man sich doch darauf eingestellt, einen Hauptkampf zu erleben, der über die Runden geht. Insgesamt jedoch kamen die Zuschauer im vom Organisationskomitee des Boxrings Baden unter Präsident Walter Grimm bestens organisierten Meeting auf ihre Kosten. Geboten wurden insgesamt neun teils packende Kämpfe. Neben den vier angesetzten Profikämpfen bestritten die ausgewählten Amateurstaffeln des Swiss Boxing Teams (SBT) einen Länderkampf gegen eine lombardische Auswahl (LA). Diesen entschied das SBT knapp mit 3:2 für sich.
 

Die Amateurkämpfe

66 kg

Andranik Hakobian (SBT) vs. Mattia Cammarano (LA)

Der Lokalmatador vom BR Baden musste eine Niederlage einstecken, die besonders weh tat. Allerdings weniger aufgrund harter Schläge, als vielmehr Umstände halber: Hakobian, der sich vor dem lautstarken Anhang besonders viel vorgenommen hatte, wurde von Trainer Engin Köseoğlu gegen Ende der dritten Runde per Handtuch aus dem Kampf genommen. Dieser war sichtlich ungehalten, weil sein Schützling die taktische Marschroute komplett über Bord geworfen hatte und sich gegen einen unerwartet starken Gegner nur noch durch destruktive Aktionen wehren konnte. Cammarano marschierte von Beginn weg nach vorne und setzte nicht nur gute Körpertreffer, sondern stand auch gut. Zudem tauchte er, obwohl grösser, bei Hakobians geraden Händen meist rechtzeitig weg. Dabei bewies der begabte Badener durchaus, wie er es hätte besser machen können: Mehrfach schlug er aus dem Nichts einzelne Hände, die allesamt im Ziel landeten. Sobald er sich aber auf den Infight einliess, musste er die Schläge Cammaranos mit irregulären Klammeraktionen unterbinden.

 

69 kg

Mic Pepshi (SBT) vs. Liberio Lorio (LA)

Ein Kampf, der sich in Anbetracht der tiefen Gewichtsklasse (Welter) durch zu wenig Beinarbeit auszeichnete. Immerhin raffte sich Pepshi regelmässig dazu auf, mit überfallartigen Attacken den pantomimischen Stillstand zu unterbrechen, den die beiden Kontrahenden überwiegend boten. Insbesondere die rechten Kopfhaken des Buchsers landeten dann regelmässig im Ziel. Dennoch konnte Pepshi nicht verbergen, dass er technisch noch grosses Entwicklungspotenzial hat und zu oft mit Brachialgewalt den K.O. anstrebt. Dies wurde umso offensichtlicher, je mehr sein inferiorer Gegner sich aufs Klammern und Ringen verlegte. Der wenig erbauliche Kampf endete mit einem klaren 3:0 für Pepshi.
 

69 kg

Vahram Khudeda (SBT) vs. Riccardo Pintaudi (LA)

Es war fast unerklärlich, welche Passivität Khudeda über die gesamte Kampfdauer an den Tag legte: Der athletische und elegante Thuner rechnete offenbar damit, seinen kleineren Gegner locker aus der kontrollierten Defensive auspunkten zu können. Der kleinere Pintaudi jedoch zeigte ein sehr variables Schlagrepertoire: Er schlug harte Hände zum Körper und pendelte die Konterattacken Khudedas fast immer aus, ohne getroffen zu werden. Der von Ex-Profi Haki Ajdarević gecoachte Thuner war auch in der letzten Runde zu keiner Reaktion fähig, als klar war, dass er nach Punkten klar zurück lag. Dass der technisch an sich hervorragend geschulte Khudeda zunehmend Innenhände schlug, war Ausdruck einsetzender Ratlosigkeit. Pintaudi entschied den Kampf, in dem er entschlossen und fleissig Punkte gesammelt hatte, mit einer letzlich zu knappen Mehrheitsentscheidung (2:1) hochverdient für sich.
 

75 kg

Nikq Kreshnik (SBT) vs. Igor Sevostianov (LA)

Der Zürcher bewies einmal mehr, dass er unter der Ägide von Matthias Luchsinger zum stilsicheren Kämpfer gereift ist: Kreshnik agierte unaufgeregt und setzte sofort mit dem Jab gezielte Stiche. Als der Russe aus Varese das Geschehen zunehmend ausgeglichen gestaltete, stellte Kreshnik aber um und punktete nun zunehmend mit einfachen Links-Rechts-Kombinationen. Das war schnörkellos, unspektakulär, aber hoch effizient. Beeindruckend an Kreshniks Auftreten ist das Durchziehen der einmal festgelegten Strategie, die aber situativ und unaufgeregt angepasst werden kann. Dagegen kam auch Sevostianov nicht an, obwohl er alles andere als inferior wirkte und stellenweise Druck entwickelte. Der Kampf endete mit einem klaren und verdienten 3:0 für Kreshnik.
 

8l kg

Marzio Franscella (SBT) vs. Marco Brigoli (LA)

Ein klassisches Abnützungsgefecht, in dessen Verlauf die Kontrahenden überwiegend Kopf an Kopf standen. Zwar arbeitete auch Franscella dabei nicht viel variabler als der technisch limitierte Brigoli. Er schlug aber präziser als sein nur mit Doppeldeckung und geduckt nach vorne marschierender lombardischer Gegner. So traf er immer wieder mit harten Haken zum Körper, und auch seine zahlreichen Uppercuts landeten bisweilen durch die Deckung hindurch am Kinn Brigolis. Am Ende waren die Kämpfer sichtlich ausgepumpt: Franscella infolge seines Schlagaufwands, Brigoli hingegen aufgrund der zunehmenden Wirkungstreffer. Der klare Sieg (3:0) für Franscella war verdient und zu keinem Augenblick gefährdet.
 

Die weiteren Profikämpfe

 

54 kg

Aniya Seki (CH) vs. Mirabela Gheorghe (ROM)

Aniya Sekitrat zum zweiten Mal innert zwei Monaten gegen ihre rumänische Gegnerin an, und erledigte ihre Aufgabe erneut ebenso sicher wie glanzlos. Die Rumänin hat sämtliche bisherigen Kämpfe verloren und war deshalb auch beim zweiten Aufeinandertreffen keine echte Gradmesserin für die Bernerin. Dafür lieferte Gheorghe in der Offensive einfach zu wenig. Kein einziges Mal löste sie einen eigenen Angriff aus, sondern beschränkte sich darauf, Sekis Links-Rechts-Kombinationen nach Möglichkeit mit dem Jab zu kontern. Leider stiessen die Gegnerinnen schon in der ersten Runde mit den Köpfen zusammen, was den Aktionsdrang im weiteren Kampfverlauf zusätzlich hemmte: Seki bekam einen blutenden Cut am Auge ab, die Rumänin eine Beule an der Stirn, die immer mehr anschwoll. Seki punktete regelmässig mit einfachen Kombinationen oben durch die Mitte, unterliess es aber, auch mal Hände zum Körper oder über die Aussenbahnen zu schlagen. Das macht ihre Aktionen für eine gleichwertige Gegnerin voraussehbar. Seki hat aber auch schon mehrfach bewiesen, dass sie gegen aggressivere und offensivere Gegnerin die Kadenz erhöhen und variabler boxen kann. 

Die Wertung:

Armin Bracher                  59:55

Fabian Guggenheim          60:55

Regula Höltschi                60:54

 

76,5 kg

Blas Miguel Martinez (Schweiz) vs. Carlos Caicedo (ESP)

Nicht wenigen Zuschauer wurde es Angst und bange, als der spanische „Tyson“ einlief. Sie mussten feststellen, dass dieser Kampfname keineswegs übertrieben war. Caicedo war zwar einen Kopf kleiner als Martinez, erwies sich aber als unglaublich muskulös und perfekt austrainiert. Sofort liess er provokativ die Deckung hängen und wich den langen Händen von Martinez immer wieder blitzschnell aus. Aber auch der spanischstämmige Basler tauchte rechtzeitig weg, wenn Caicedo seine ansatzlosen Schwinger abfeuerte. Die vom für seinen attraktiven Wühlerstil bekannten Martinez gewählte Taktik hätte sich als fatal herausstellen können, wenn Caicedo nicht in der dritten Runde den Fuss übertreten hätte. Der Kampfabbruch, bzw. die Verletzung des Gegners bewahrte Martinez vor einem potenziell negativen Kampfausgang. Zu oft hatte er sich dazu verleiten lassen, im Infight Kopf an Kopf mit seinem Gegner stehen zu bleiben. Dort hatte der wendige Caicedo offensichtliche Vorteile. Kaum je machte Martinez den Schritt zurück, der es ihm ermöglicht hätte, seine lange Gerade ins Ziel zu bringen. Fast unverständlich war auch, dass Martinez seinen Gegner nicht mit noch mehr Beinarbeit umkreiste und zu Laufarbeit zwang, als dessen Handicap offensichtlich war. Im Gegenteil: Als Ringrichter Fabian Guggenheim nach 1:15 in der vierten Runde den Kampf abbrach, hatte Martinez gerade noch ein paar harte Treffer Caicedos eingesteckt, der mit dem Mute der Verzweiflung noch eine letzte Salve von Punches abfeuerte. Umso sympathischer reagierte der Basler anschliessend vor dem Mikrophon von Ringsprecher Jack Schmidli: Er gestand freimütig ein, er hätte zwar gewonnen, nur leider nicht die Vorgaben seines Coaches umgesetzt...

 

72,5 kg

Ardian Krasniqi (Schweiz) vs. Yauheni Abdurazakau (Weissrussland)*

Der Badener Ardjan Krasniqi besiegte den Weissrussen Yauheni Abdurazakau in einem an Dramatik kaum zu überbietenden Gefecht mit 2 zu 1  Richterstimmen knapp nach Punken. Das Kampfgericht wertete den Kampf kontrovers mit 56 : 58 (Beat Hausammann), 57 : 56 (Regula Höltschi) und 59 : 55 (Armin Bracher).

Die Frustration stand dem Weissrussen nach der „Split Decision“ verständlicherweise ins Gesicht geschrieben. Denn er hatte aufgrund seiner grossartigen und ungebrochenen Kampfeskraft, der sich Krasniqi vorwiegend mit Defensivaktionen zu widersetzen versuchte, fest mit einem Sieg gerechnet.

Ab dem 1. Durchgang ging der Gastboxer aggressiv zu Werke und drängte seinen Kontrahenten in die Defensive. In der 2. Runde fand Krasniqi, etwas besser in den Kampf und landete einige schöne Kombination zum Kopf seines Gegners. In den weiteren Runden entwickelte sich phasenweise ein offener Schlagabtausch, bei dem der Weissrusse stets einige Hände mehr ins Ziel brachte. Abdurazakau musste von Ringrichter Fabian Guggenheim allerdings mehrmals wegen unsauberer Kampfesführung, die in der 4. Runde zu einem Cut über dem linken Auge des Badeners führte, ermahnt werden. In der 6. Runde verlor der Weissrusse dreimal den Mundschutz und wurde von Guggenheim verwarnt. Ohne den Punkteabzug, den die Verwarnung nach sich zog, wäre der Kampf unentschieden ausgegangen. Die starke Leistung der beiden Boxer wurde vom Publikum mit anhaltendem Applaus quittiert. Nach dem eher glückhaften Sieg bleibt Krasniqi auch nach seinem 10. Profikampf ungeschlagen..

* Text von Jack Schmidli


Resultatübersicht

Ranking „Robert Nicolet Trophy“




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