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La Yuma

Von Gérald Kurth, Mitglied der Medienkommission von SwissBoxing 

15.07.2011 - „Frauen boxen nicht!“ Ein Latinomacho, wie er im Buch steht: Mit diesen Worten stellt der Obergangster – und Ex - Yuma zur Rede. Entrüstet stellt er fest, dass sie weder Drogen konsumieren noch ihre geregelte Arbeit aufgeben will. Yuma (hervorragend: die 18jährige Alma Blanco!) aber ist eine Fighterin. Sie kann zwar weder ihre Wurzeln verleugnen noch die kriminelle Umgebung im Barrio wegzaubern. Aber sie hat einen Traum, den sie unter allen Umständen verwirklichen will: eine grosse Boxerin zu werden!  Eine andere Chance, ihre Lebenssituation in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua zu verändern, sieht sie nicht. Und das macht sie hart.

Die nicaraguanische Variante des „Million Dollar Baby“ ist weniger hochglanzproduziert als Clint Eastwoods Drama. Bedenkt man, dass es sich um den ersten Spielfilm handelt, der seit zwanzig Jahren in Nicaragua entstanden ist, wird auch klar, dass da nicht dieselben Gelder zur Verfügung standen ...

Das heisst aber nicht, dass die Story der Yuma oberflächlicher daherkommt als jene der gelähmten Maggie, die von ihrem Trainer durch am Ende aktive Sterbehilfe erlöst wird. Ganz im Gegenteil: Trotz einigem Szenenhumor wird schnell deutlich, dass ein Entrinnen hier kaum möglich ist: Kinder werden ganz selbstverständlich delinquent und drogenabhängig. Sie werden Opfer, wie auch in Yumas Umfeld angedeutet, von sexuellen Übergriffen durch Väter, Stiefväter oder Ehemänner.

Ob in den eigenen vier Wänden oder auf der Strasse: Gewalt ist ein allgegenwärtiger Bestandteil des Lebens im Viertel. So verrottet die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander oft sind, so herzlich sind aber auch ihre Freundschaften, unerschütterlich die Loyalitäten. Yuma bewahrt ihre Schwester vor der Vergewaltigung durch den Stiefvater und flieht mit ihr zu einer befreundeten Gelegenheitsprostituierten Scarlett. Hier demaskiert Yuma auch die Doppelmoral ihrer Mutter: Diese will partout nicht wahrhaben, was ihr Freund während ihrer Abwesenheit über seine primitiven Anzüglichkeiten hinaus zuhause treibt. Moralisch verkommen sind für sie immer die Anderen: Die käufliche Scarlett oder auch die rebellische Tochter, die sich, völlig unweiblich, als Boxerin behaupten will...

Umgekehrt liefert Yuma auch dann ihren Ex nicht der Justiz aus, als klar wird, dass dieser nach dem Überfall auf einen Hühnchentransporter einen Polizisten erschiesst oder ihre neue Liebesbeziehung zerstört. Zum Glück erweist sich bei all den Schwierigkeiten in Yumas Alltag die Boutiquenbesitzern bald als Yumas grösster Fan, trotz deren offensichtlich mangelhaften Inspiration am Ladentisch. Sie unterstützt sie in jeder erdenklichen Form – insbesondere als ihr Yuma ihren knackigen Ex-Trainer vorstellt.... Yuma bezieht Vorschüsse, macht regelmässig früher Feierabend oder kann sich ein Top ausleihen, mit dem sie sich für Ernesto schön macht.

Ernesto? Der junge Journalist hätte ihre grosse Liebe werden können, es hatte ja alles so gut angefangen: Yuma gibt ihm die CDs zurück, die ihr eigener Bruder auf seiner Diebestour Ernesto abgenommen hatte. Obwohl immer in Abwehrhaltung und dementsprechend kratzbürstig, lässt sich Yuma doch auf den Jungen aus gutem Hause ein. Es dauert nicht lange, bis der von den Gangmitgliedern aus Eifersucht und Rache verprügelt wird.

Regisseurin Florence Jaugey verzichtet aber auf ein zuckriges Happyend. Nicht weil eine Neuauflage des Märchens von Aschenputtel und dem Prinzen der sozialen Realität im Land völlig widersprechen würde. Aber Ernesto ist blitzschnell überzeugt, dass Yuma dahinter stecke. Und das sie halt eben doch gleich wie die anderen aus dem Barrio sei. Obwohl zu Unrecht beschuldigt, kämpft Yuma nicht darum, Ernesto von der Wahrheit zu überzeugen. Darum, ihm – und sich selbst – eine zweite Chance zu geben.

Das Vertrauen ist zerstört, und Yuma wendet sich wieder ihrer Hauptaufgabe zu: Verantwortung für die Geschwister übernehmen und für deren Existenz zu sorgen. Sie zögert darum auch nicht, in einem Wanderzirkus mit Boxeinlagen den Pausenclown zu spielen. Yuma akzeptiert diesen Gelderwerb unmittelbar nach ihrem Sieg im ersten Amateurkampf. Zu einem Zeitpunkt also, wo es sportlich doch schnell weiter aufwärts gehen sollte... Geld gibt es aber im Lande kaum, und entsprechend wenig Kampfabende können organisiert werden, an denen Boxer etwas verdienen können – zumal, wenn sie weiblich sind... 


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