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«Wir sind Politikern um Längen voraus»

Bericht von Pascal Imbach

Einst war er der schönste Schweizer. Heute ist Adel Abdel-Latif Arzt und Unternehmer – und erklärt, wieso Boxen mehr ist als nur ein Sport.

25.09.2011 - 1996 wurde der gebürtige Stadtbasler Adel Abdel-Latif zum Mister Schweiz gewählt. Heute, 15 Jahre später, kennt man ihn immer noch – allerdings als Arzt, Unternehmer – und in Luzern insbesondere als Boxtrainer. Der 39-Jährige, der ägyptische Wurzeln hat, ist seit rund zwei Jahren Präsident des Boxing-Clubs Luzern, der gestern sein 80-jähriges Bestehen feierte.

Adel Abdel-Latif, Boxen hatte lange den Ruf, dubiose Gestalten anzuziehen. Man hatte das Bild von muskelbepackten Männern im Kopf, die sich in schummrigen Boxkellern prügeln. Heute sieht man Anwälte nach dem Feierabend mit dem Aktenkoffer ins Boxing-Gym gehen.

Wie kam es zu diesem Wandel?

Abdel-Latif: Ja, bis vor zehn, fünfzehn Jahren hatte Boxen tatsächlich einen zwielichtigen Ruf – eigentlich schon damals zu unrecht. Aber da sah man im Fernsehen halt noch üble Jungs wie Mike Tyson, die ihren Gegnern im Boxring Ohrläppchen abbissen und zu Hause ihre Frauen verprügelten. Generell wurde der Öffentlichkeit das Bild suggeriert, dass im Boxen nur erfolgreich sein kann, wer aus einem Ghetto kommt und eine kriminelle Vergangenheit hat. Normale Freizeitboxer wurden so automatisch auch etwas schräg angeschaut.

Wieso ist es heute anders?

Adel Abdel-Latif: Abgesehen davon, dass es auf professioneller Ebene kaum noch «Bad Guys» gibt und auch Skandale abseits des Rings ausbleiben, gibt es noch eine Reihe weiterer Gründe. Geboxt wird nicht mehr in «Kellern», sondern in modernen Gyms oder Turnhallen. Und die Sportmedizin hat den Nachweis erbracht, dass kaum eine andere Sportart den Körper dermassen ganzheitlich fit hält wie das Boxen. Wer boxt, trainiert gleichermassen Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Feinmotorik, Koordination und stärkt Knochen, Blutkreislauf sowie Herz- und Lungenfunktion.

Aber man muss doch Schläge einstecken und Schmerzen ertragen können, nicht?

Abdel-Latif: Nein, Schmerzen spielen nur bei den Wettkampfboxern eine Rolle. Die meisten Leute aber sind Fitnessboxer. Solche also, die keine Kämpfe bestreiten und einzig und allein vom umfassenden Training profitieren wollen – und das tut nicht weh. Selbst beim Sparing, wo man sich eins zu eins gegenübersteht, wird nur mit leichtem Körperkontakt trainiert. Und alle tragen Kopf- und Zahnschutz – das ist bei uns Pflicht. Stellen Sie sich vor, ein Geschäftsmann käme zu uns ins Training und müsste am nächsten Morgen mit einem verschlagenen «Grind» ins Büro. Das wäre ja gar nicht möglich.

Sie sagen, Boxen ist ein Sport für alle. Spiegelt sich das in Ihrem Club wider?

Abdel-Latif: Absolut. Bei uns trainieren Kinder ab sechs Jahren, Jugendliche, Erwachsene – bis hin zu Senioren weit über 80. Es gibt Ärzte, Anwälte, Studenten, Bauarbeiter, Maler, Journalisten, Buchhalter. Die Liste liesse sich beliebig erweitern. Und wir verzeichnen seit zwei, drei Jahren einen verstärkten Zulauf von Frauen. Gut 30 Prozent unserer Mitglieder sind inzwischen weiblich. Das ist überdurchschnittlich. Und falls Sie denken, bei den Frauen handle es sich um «Mannsweiber», liegen sie daneben. Im Boxtraining sind viele sehr attraktive Frauen anzutreffen.

Was zieht Frauen denn in den Boxring?

Abdel-Latif: Einerseits ist Boxen ein perfekter Sport, um die Figur in Form zu halten und das eigene Selbstvertrauen zu stärken. Andererseits werden Frauen im Boxring von den männlichen Kollegen respektvoll behandelt. Geht eine attraktive Frau hingegen ins Fitnesscenter, wird sie ständig von irgendwelchen Typen angegraben. Bei uns können sie sich ganz aufs Training konzentrieren.

Begriffe wie Respekt und Toleranz hört man oft, wenn man mit Boxern spricht. Was hat es damit genau auf sich?

Abdel-Latif: Bei uns trainieren Muslime mit Katholiken, politisch Linke mit politisch Rechten, Dicke mit Dünnen. Es spielt schlicht und einfach keine Rolle. Wenn einer zum ersten Mal zu uns kommt, dann ist es total egal, welche Herkunft er hat, was für Turnschuhe er trägt oder ob er nun gut ist oder ein totaler Anfänger. Jeder wird so akzeptiert wie er ist. Jeder erhält eine Chance. Beim Boxen treffen sich Menschen, die sich sonst vielleicht nirgends treffen würden. Wir Boxer sind Politikern in Sachen Respekt und Toleranz um Längen voraus.

Aber es gibt in Ihrem Boxclub doch sicher auch Problemfälle – Leute, die sich nur fürs Boxen entscheiden, um sich prügeln zu können ...

Abdel Latif: Ja, solche Leute gibt es. Allerdings sehr wenige. Wenn so einer zu uns kommt, dann merkt er sehr schnell, dass es so nicht geht. Keiner will mit einem Haudegen trainieren. Schlussendlich steht er allein da und kommt das nächste Mal von selber nicht mehr. Oder aber, er begreift, um was es bei uns geht und bekommt Freude am Sport. Jemanden rauswerfen, weil er sich total daneben benahm und es nicht einsah, mussten wir noch nie.

Eine Boxerweisheit besagt, dass die besten Boxer aus den schlechtesten Gegenden kommen. Keine guten Aussichten für Luzern als Boxstadt also?

Abdel-Latif (schmunzelt): Ja, den Spruch kenne ich. Aber wir haben durchaus Boxer bei uns, auch Boxerinnen, die grosses Potenzial haben. Dennoch ist der Spruch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Ich war mal Ringarzt von Ex-Weltmeister Ralf Rocchigiani. Die Gestalten, die sich da in seiner Kabine tummelten, hätten es zusammen bestimmt auf 500 Jahre Knast gebracht. Das war unglaublich. Und ich bin mir sicher, dass es im Boxen nach wie vor dubiose Figuren gibt – auch im Freizeitboxen. Aber die gibt es ja leider in fast jeder Sportart.

Sie selber betreiben schon fast das ganze Leben Kampfsport, sind Mediziner mit Doktortitel geworden und betreiben heute ein erfolgreiches Medizinalunternehmen. Wäre das eine ohne das andere möglich gewesen?

Abdel-Latif: Natürlich hätte ich boxen können, ohne nebenbei Karriere zu machen. Aber ich glaube nicht, dass ich ohne die Erfahrungen aus dem Boxsport beruflich und persönlich so weit gekommen wäre.

Wie meinen Sie das?

Abdel-Latif: Ich habe es als Kickboxer in die Weltelite geschafft und konnte mir mit dem Geld aus dem Sport mein Studium finanzieren. Um es im Kampfsport zu was zu bringen, musste ich mir Durchaltewillen, Disziplin, Fleiss, Gradlinigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein aneignen. Heute bin ich überzeugt, dass es genau diese Attribute sind, die mich auch ausserhalb des Rings weitergebracht haben. Ich begegne Mitarbeitern oder Geschäftspartnern heute anders, als wenn ich damals als 15-Jähriger nicht mit Kampfsport angefangen hätte. Ich bin heute furchtlos, gradlinig, selbstbewusst, sehr konsequent, aber immer fair. Und wenn es privat oder beruflich mal schwierige Situationen gibt, dann werfe ich nicht gleich das Handtuch, sondern beisse durch – wie eben auch unzählige Male zuvor im Ring.

* Adel Abdel-Latif lebt mit seiner Frau Alif- Simone in Küssnacht. Der 39-Jährige beendete vor acht Jahren seine aktive Wettkampfkarriere – er war unter anderem zwölffacher Schweizer Meister im Kickboxen. Heute ist Abdel-Latif Facharzt FMH für Radiologie und CEO der Radiolutions AG, einem europaweiten Netzwerk von Fachärzten im Bereich Teleradiologie in Baar. Vor zwei Monaten wurde er Vater einer Tochter.

© Zentralschweiz am Sonntag 




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