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Finals Schweizermeisterschaften 2011 in St. Gallen

Bericht von Ueli E. Adam
 

08.11.2011 - Die Finals der Schweizermeisterschaften bestätigten den Eindruck, der schon bei den Ausscheidungen erkennbar gewesen war: die Titelkämpfe liessen die zahlenmässig eher bescheidenen Anmeldungen vergessen und überzeugten mit einem für schweizerische Verhältnisse erstaunlich guten Niveau.

Bereits die Halbfinals brachten Kämpfe auf Biegen und Brechen mit teilweise knappen Entscheidungen und ein Durchmarsch der Favoriten war erfreulicherweise kein Thema. Gabriel Viltre Diaz, Egzon Maliqaj und Mischa Nigg konnten nur mit ganz knappen Resultaten aus dem Titelrennen eliminiert werden und wären mit ein bisschen mehr Schlachtenglück durchaus auch für die Finals in Frage gekommen. SwissBoxing Präsident Andreas Anderegg, dem die Entwicklung des Amateursportes ein zentrales Anliegen ist, darf die Meisterschaften durchaus positiv beurteilen, obschon natürlich auch bescheidenere Leistungen mit Titelehren geschmückt werden mussten.

Ein Wermutstropfen für den mit gewohnt grossem Engagement organisierenden BC St. Gallen war einmal mehr der bescheidene Zuschaueraufmarsch: neben dem Umfeld der Athleten und den eingefleischten Boxfans fanden nur wenige Sportbegeisterte den Weg in die Kreuzbleichehalle. Das ist zu bedauern: das breite Publikum hat einmal mehr etwas verpasst. In St. Gallen wurde Boxen geboten, wie man es an Meisterschaften schon lange nicht mehr gesehen hat.
 

Die Finalkämpfe im Matchtelegramm

Frauen

54 kg Sarah-Joy Rae, BC Basel vs. Nicole Michel, BT Thun Oberland

Die Thunerin (Bild oben links) ging wie gewohnt energisch zur Sache. Von Beginn weg legte sie den Vorwärtsgang ein und setzte diesmal auch präzise Treffer, was bei ihrem ungestümen Stil früher nicht immer der Fall war. Mit 12:24 Punkten holte sie sich verdient den Titel.
 

57 kg Sandra Steiner, BC Zürich vs. Sandra Roulet, BC Genevois

Sandra Steiner (Bild unten links) hatte im Halbfinal Amanda Taylor (Esquive BC Genève), die nach einer längeren Ringpause ihr Comeback gab, überzeugend mit einem RSC in der 2. Runde geschlagen. Sandra Roulet machte es ihr im Final nicht so einfach.



Die Genferin, die von Kampf zu Kampf besser wird, bezog von der technisch überlegenen Zürcherin happige Prügel, kämpfte aber bis zum Schluss mit brachialem Angriffsstil, in der Hoffnung, das Blatt vielleicht doch noch wenden zu können. Es reichte nicht: Sandra Steiner bewies ihre Klasse und siegte mit 35:18 Punkten.
 

60 kg Evelyne Ziegler, NAB Frenkendorf vs. Sandra Brügger, BC Basel

Evelyne Ziegler hatte eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Gegen die mit Abstand beste Boxerin der Schweiz blieben ihr nur Aussenseiterchancen. Diese hat sie aber gut genützt und Sandra Brügger (Bild unten rechts) ein beherztes Gefecht geliefert.



Das ermöglichte der Favoritin aus Basel, ihr ganzes Können voll einzubringen: absolut sehenswert! Der Sieg war schliesslich eine Formsache. Brügger siegte mit 8:39 Punkten und liess sich als Meisterin hochverdient bestätigen.
 

Herren

Vorneweg kurz und bündig: die Kämpfe waren teilweise so gut, dass eine sachlich abgeklärte Berichterstattung nicht einfach ist. Die folgenden Matchtelegramme beweisen das.
 

56 kg Drin Sadriu, BT Thun Oberland vs. Saitarn Kaewsuksai, BC Winterthur

Was die beiden Finalisten über drei Runden abzogen, war schlicht begeisternd. Technisch hochstehend gingen beide ein horrendes Tempo, ohne je konditionelle Schwächen zu verraten.

Mit perfekter Beinarbeit und um einen Tick variantenreicher konnte der Thuner (links im Bild) das Gefecht schliesslich zu seinen Gunsten entscheiden. Die präziseren Treffer von Sadriu finden sich auch im Resultatspiegel wieder. Der Thuner siegte eindrücklich mit 23:17 Punkten.
 

60 kg Durim Sadrija, BT Thun Oberland vs. Bernardino De Brito, NAB Montreux

Wer gedacht hatte, der vorhergehende Kampf sei nicht zu toppen, sah sich gründlich getäuscht. Durim Sadrija (links im Bild) und Bernardino De Brito lieferten sich einen Kampf, der ebenfalls restlos zu überzeugen wusste.



Beide brachten alles mit, was gutes Boxen ausmacht: erstklassige Deckung, perfekte Beinarbeit, variantenreiches Schlagrepertoire, hohes Tempo und den absoluten Siegeswillen. Keine einfache Aufgabe für die Punktrichter! Diese sahen den Thuner am Schluss mit 37:32 Punkten vorne, zu Recht, aber diesmal war auch die Silbermedaille eindeutig Gold wert.
 

64 kg Zino Meuli, SR St. Gallen vs. Alain Chervet, BK Bern

Eine herbe Überraschung setzte es für den Favoriten aus Bern ab. Alain Chervet fand trotz gutem Boxen nie das Rezept, um den schwierig zu boxenden Youngster aus St. Gallen in die Schranken zu weisen. Zino Meuli (Bild unten rechts) wusste sich hervorragend aus der Affäre zu ziehen und legte mit unerwarteten Treffern den Grundstein zum Erfolg.



Obschon dem Berner einmal mehr vielleicht der Erwartungsdruck und das Schlachtenglück einen Strich durch die Rechnung machten, war der Kampf absolut sehenswert. Meuli durfte sich schliesslich mit 22:20 Punkten zum Meister küren lassen.
 

69 kg Kreshnik Nikq, BC Zürich vs. Vahram Khudeda, BT Thun Oberland

Eine bittere Niederlage musste auch der Klassemann aus Zürich einstecken. Kreshnik Nikq musste sich vom jungen Thuner ausboxen lassen, ohne je sein ganzes Können entfalten zu können.



Vahram Khudeda, (Bild oben links) ein junger Mann mit bestechender Physis und bemerkenswertem Boxinstinkt liess den Zürcher leerlaufen und sorgte mit präzisen Treffern für einen klaren Sieg. Das Urteil bestätigt mit 19:29 Punkten für Khudeda diese Einschätzung.
 

75 kg Herry Saliku-Biembe, BC Morges vs. Davide Faraci,    BR Baden

Für den absoluten Höhepunkt des Tages sorgten die beiden Mittelgewichtler. Nach den Einschreibungen wusste man, dass der Titel in dieser Gewichtsklasse nur über Saliku zu holen sein würde. Genau dies hat ein magistraler Davide Faraci (Bild unten rechts) brillant geschafft.



Der Schützling von Engin Köseoglu hat beeindruckend vorgeführt, wie man einen verheerenden Puncher vom Schlage Salikus mit perfektem Boxen besiegen kann. Es ist nämlich keineswegs so, dass der gebürtige Kongolese (mit einer bewegten Karriere in den Ringen der Welt) an Klasse eingebüsst hat. Im Gegenteil: der junge Faraci hat für eine fantastische Lehrstunde gesorgt und den Mann aus Morges mit einem klaren Verdikt von 10:28 überzeugend besiegt.
 

81 kg Eljes Kamili, BC Zürich vs. Fabian Hartmann, NAB Frenkendorf

Mit einem klaren Sieg über den durchaus valablen Zürcher hat Fabian Hartmann bewiesen, dass sein Weg zum Titel kein Zufall war. Eljes Kamili war dem druckvollen Boxen des Frenkendorfers nicht gewachsen und fand zu keiner Zeit das richtige Rezept, um entscheidend in den Kampf eingreifen zu können.


Hartmann holte sich mit Schlagstärke, Dynamik und perfekter Übersicht den Titel mit einem eindeutigen Resultat: Die Punktrichter sahen ihn in der Endabrechnung mit 15:35 Punkten vorne.
 

91 kg Seid Dzemaili, BC Zürich vs. Benjamin Popaj, BU Winterthur

Einen animierten Kampf lieferten sich auch die schweren Männer und lange war nicht ganz klar, wer am Schluss den Ring als Sieger verlassen würde. Benjamin Popaj bestach einmal mehr mit der präzisen Schlaghand, liess aber leider auch – wie schon oft – die letzte Konsequenz vermissen.



Das brachte den Ausschlag: Seid Dzemaili (Bild oben rechts) punktete fleissiger und wusste sich gekonnt dem Ansturm des Winterthurers zu entziehen. Sieger mit 18:11 Punkten Seid Dzemaili.
 

+91 kg Kadri Memeti, BC Winterthur vs. Nawshirwan Barazinje, BC Zürich

Kadri Memeti war gegen den Meister aus Zürich trotz guten Ansätzen über weite Strecken des Kampfes überfordert. Vor allem die Beinarbeit des Winterthurers lässt zu wünschen übrig und die boxerischen Qualitäten sind noch verbesserungsfähig.



Dass er trotzdem nicht inferior wirkte ist der Tatsache zuzuschreiben, dass auch Barazinje (Bild oben links) nicht den besten Tag erwischte. Der Zürcher boxte zu stereotyp und liess überraschende Angriffsvarianten vermissen. Trotzdem holte er sich absolut verdient den Titel und schwang mit 20:26 Punkten oben aus.
 

Mannschaftsmeister

Die Senkrechtstarter um Christina Nigg und André Schenk schrieben ganz eindeutig Boxgeschichte. Mit dem Sieg in der Mannschaftswertung hat das Box-Team Thun Oberland BTO nicht nur die hohen Ambitionen bestätigt, sondern auch bewiesen, welchen Stellenwert eine perfekte Ausbildung hat.



Kämpferinnen und Kämpfer aus Thun reisen mit erstklassigem Rüstzeug an. So gesehen ist der Meistertitel keine Ueberraschung. Ganz herzliche Gratulation! 

Die Meister/innen im Portrait

 




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