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Gladiator ohne Glück

Joe Frazier, Boxweltmeister im Schatten von Muhammad Ali, ist 67-jährig gestorben. Von Willi Wottreng

Wenn er auf Ali eindreschte im Geviert der Seile, war das kein Sport, sondern bitterer Ernst. «Ich hasse ihn», gestand Frazier. «Gott mag es nicht schätzen, wenn ich so rede, aber es ist in meinem Herzen.»

Joe Frazier wurde 1944 geboren im Süden von Südkarolina. Eines von 13 Kindern eines Farmer-Ehepaars, das kärglich überlebte. Nachdem der Vater einen Schwarz-Weiss-Fernseher ergattert hatte, waren Boxkampf-Übertragungen das Schönste im Alltag; die ganze Nachbarschaft kam, um zu schauen. Joe füllte einen Sack mit Maiskolben und Lumpen und bearbeitete ihn täglich mit den Fäusten.

Nach der Neunten verliess er die Schule und arbeitete auf Farmen. Als ein weisser Besitzer einen schwarzen Knaben mit dem Gürtel schlug, brachte Frazier es aus. Er musste gehen, bestieg einen Bus und fuhr nach Norden. Da arbeitete er in einer Cola-Fabrik in New York, in einem Schlachthof in Philadelphia, wo er übungshalber Schweinehälften traktierte (wie es später der Film «Rocky» zeigte, der von einem Boxer wie ihm handelte).

Eigentlich träumte Frazier davon, Sänger zu werden. Vorerst wurde
er eben Boxer. Immerhin einer, der Olympiagold holte, in Tokio 1964. Obwohl er im Halbfinal den linken Daumen gebrochen hatte, was er verschwieg, damit man ihn nicht aus dem Kampf nahm. Ein schwarzer Unterschichtler, der sich hochkämpfte, Politik interessierte ihn nicht.

Er fand Sponsoren und wurde Profi-
boxer. «Smokin Joe» genannt, weil er auf den Sack hieb, bis der zu rauchen begann, wobei Frazier ächzte und schnaubte, als sei er eine Dreschmaschine. Gefürchtet für seine linken Haken. 1968 holte er den WM-Titel. Dennoch wäre er heute vergessen, wäre da nicht der andere Weltmeister gewesen, Cassius Clay, der sich Muhammad Ali nannte. Sein Titel war ihm aberkannt worden, weil er sich weigerte, in der Zeit des Vietnamkrieges für die USA Militärdienst zu leisten. Gegen ihn will Frazier kämpfen.

Zwei Champions im Schwergewicht. Beide ungeschlagen. Beide Weltmeisterklasse, treten 1971 an, im Madison Square Garden, der berühmten Arena in Manhattan. 20 000 Menschen im Saal, unter ihnen viel Prominenz. Vom «Kampf des Jahrhunderts» spricht selbst die «New York Times».

Es ist mehr als ein Sportereignis. Muhammad Ali, der Muslim, der lautstark die Bewegung der Schwarzafrikaner unterstützt, verhöhnt Frazier, den bibelgläubigen Baptisten. Er verhöhnt ihn als «Onkel Tom» - was nach der Romanfigur etwa so viel bedeutet wie: unterwürfiger Sklave. Und nennt ihn «Champion der Weissen». «Jeder, der schwarz ist, will, dass ich gewinne», verkündet Ali. So wird der Kampf zum Rassenkampf.

Die Hetze schmerzte, Frazier kam gegen Alis Mundwerk nicht auf. So konzentrierte er sich aufs Boxen. 2,5 Millionen Dollar hatten die Manager für jeden Kämpfer ausgesetzt. Das Fernsehen übertrug in 35 Länder.

Gongschlag. Frazier braucht wie üblich lange, um in Schwung zu kommen. Ali tänzelt und frotzelt: «Come on, man. Ist das das Beste, was du kannst?» In der 11. Runde bringt Frazier Ali ins Wanken. Und in der 15. Runde geschiehts. Frazier hat die Situation hundertmal mit seinem Trainer geübt: Wenn Ali zum rechten Aufwärtshaken ausholt, pflegt er den Arm zuvor zu senken. Schau auf den Arm!, hat der Trainer gesagt. Und Frazier kennt exakt den Punkt, wo Alis Kopf eine Sekunde später sein wird. Fraziers Faust ist schon da. So hart hat er wohl im Leben noch nie geschlagen. Ali geht zu Boden.

Mochte er auch bei vier wieder aufstehen: Der Mythos Ali war zerstört, es war die erste Niederlage in seiner Profikarriere. Ali musste ins Spital, um den Kiefer zu röntgen. Und er lechzte nach Revanche.

Die kam 1974. Nun war es Frazier, der einen - mittelmässigen - Kampf nach Punkten verlor. Nun war er es, der sagte: «Ich will ihn noch einmal!»

Bei Manila auf den Philippinen 1975 kam die Entscheidung. Ali höhnt an einer Pressekonferenz über seinen Gegner: «Wie lange bist du denn in die Schule gegangen?» Er nennt ihn einen «Gorilla». Und singt: «Es wird «a thrilla» - ein Thriller -, «pack ich den Gorilla, in Manila.» Frazier antwortet hilflos: «Ich habe hübsche Kinder, wie kann ich ein Gorilla sein?»

In der siebten Runde hatte keiner mehr Kraft, sich zu bewegen. Schliesslich gewann Ali die Initiative zurück. Fraziers Augen waren geschwollen, das linke völlig geschlossen. So wurde er nach 14 Runden aus dem Kampf genommen, gegen seinen Willen. Niederlage durch technischen K. o.

Als Frazier wenig später seine Boxkarriere aufgab, arbeitete er als Trainer und versuchte es als Sänger, nicht weltmeisterwürdig. Sein Vermögen zerrann. Der Blick zurück blieb voller Zorn, trotz Anläufen zur Versöhnung. «In den ersten beiden Kämpfen versuchte mich Clay zum weissen Mann zu machen. Dann war ich der Neger.»


NZZ am Sonntag, 20.11.2011



 




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